Immer mehr Ungereimtheiten
Moskau weicht allen unbequemen Fragen zum Geiseldrama aus

Die Vorgänge um das Geiseldrama im Musical-Theater der russischen Hauptstadt werden wohl nie lückenlos aufgeklärt werden. Zwar haben die Liberalen in der Duma am Dienstag eine Untersuchungskommission gefordert, doch das will die dem Kreml treue zentristische Mehrheit des russischen Parlaments mit allen Mitteln verhindern. Das berichtete gestern die halbamtliche Internet-Agentur Strana.ru in Moskau. Doch nach wie vor haben die Behörden auf zahlreiche offene Fragen noch keine schlüssigen Antworten parat. Im Gegenteil: Meldungen über eine große Zahl erschossener Geiseln und prompte Dementis vergrößern die Ungereimtheiten.

MOSKAU. Inzwischen verstärkten sich die Hinweise, dass die Sondereinheiten ihren Sturm auf Befehl des Kreml begonnen haben, um eine weitere Diskussion über den Tschetschenien-Kurs von Präsident Wladimir Putin abzuwürgen. Am Freitag war es im russischen Fernsehen und bei Demonstrationen erstmals seit Beginn des zweiten Kaukasus-Feldzuges zu dramatischen Appellen gekommen, die Schlacht um Tschetschenien zu beenden. In Umfragen sprachen sich 65 % der Moskauer für eine friedliche Lösung aus. Am Freitag Abend wurde nach Angaben von Offizieren der "Alpha"- Spezialeinheit des Geheimdienstes, die die Befreiungsoperation leitete, eine Erstürmung des Musical-Saales für sechs Uhr morgens vorbereitet.

Dagegen behaupten tschetschenische Vertreter, die Behörden hätten die gewaltsame Beendigung der Geiselnahme in Moskau angeordnet, um einen friedlichen Ausgang zu verhindern. Das sagte Achmed Sakajew, ein Vertreter der tschetschenischen Exil-Regierung, auf dem Tschetschenen-Kongress in Kopenhagen. Die Geiselnehmer hätten die Freilassung ihrer Opfer per Handy für Samstagmorgen angekündigt. Moskowskije Nowosti" inzwischen: "Die Angehörigen der Toten hoffen nicht mehr, die Wahrheit zu erfahren.

Spekulationen um die Art des Gases

US-Experten vermuten, dass das eingesetzte Gas eine Aerosol-Version des starken Opiats Fentanyl enthielt. Das berichtete die "New York Times" unter Berufung auf Regierungsbeamte. Es handele sich um einen Verdacht und nicht um ein sicheres Wissen, da sich die Behörden weigerten, Informationen über die Art des Gases zu geben. Auch die US-Botschaft in Moskau hatte erklärt, nach ihren Erkenntnissen habe es sich bei dem Gas um ein Opiat-Derivat gehandelt, das als Narkosemittel nicht unter die Chemiewaffenkonvention falle.

Nach dem verheerenden Gaseinsatz zünden Geheimdienste und Kreml-Sprecher immer neue Nebelkerzen: So brachte die Agentur Interfax gestern Morgen die Meldung, 45 der getöteten 117 Geiseln seien durch Schussverletzungen gestorben. Die Nachrichtenagentur, die eine Mitarbeiterin unter den Geiseln hatte, die als einzige von Geiselerschießungen vor der Erstürmung des Gebäudes berichtete, zog die Meldung kurz darauf als "Missverständnis" zurück. Behandelnde Ärzte hatten gesagt, dass sie nur bei einem der Opfer Schussverletzungen festgestellt hatten, alle anderen seien an den Folgen des Gaseinsatzes gestorben.

Auch mit den Opferzahlen wird weiter Schindluder getrieben: Offiziell wurde auch gestern noch 117 Geiseln und 41 Kidnapper als Tote angegeben. Doch Moskaus Bürgermeister Jurij Luschkow, der die Bergungsarbeiten leitete, sprach schon direkt nach dem Sturm von 130 getöteten Geiseln. Diese Meldung war sofort zurück gezogen worden, als Vize-Innenminister Wladimir Wassiljew von 67 Getöteten sprach. Doch auch aus einem anderem Grund kann die offizielle Zahl nicht stimmen: Einige vermisste Geiseln wurden in Leichenschauhäusern gefunden und waren nicht auf der bisherigen Totenliste. Die Behörden behindern zudem das Auffinden der noch immer 114 Vermissten. Opferzahl dürfte nie bekannt werden, denn die Geheimdienste hatten schon vor dem Sturm berechnet, dass maximal 150 Tote eine für Putin nicht gefährliche Zahl sei. Ärzte gehen von 160 toten Geiseln aus.

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