Immer weniger Aktionäre
Die Aktienkultur in Deutschland steht auf dem Prüfstand

Nach den drastischen Kursverlusten droht die Begeisterung der deutschen Privatanleger für die Aktie schnell wieder zu verschwinden. Ein solcher Trend wäre fatal für die Akzeptanz der Aktie. Aber auch für die Unternehmen, die zur Finanzierung ihrer Aktivitäten auf Aktien und Börse angewiesen sind.

Einen so dramatischen Kursverlust, wie er seit März 2000 an praktisch allen internationalen, am stärksten aber am deutschen Aktienmarkt zu verzeichnen war, hat die Börsengeschichte bisher nicht zu verzeichnen gehabt. Die Aktien der z.T. unreifen Unternehmen am Neuen Markt haben im Schnitt über 90 % ihres einstigen Börsenwertes verloren. Die im Dax repräsentierten Standardaktien von Unternehmen, die ihre Solidität und Fähigkeit zur Gewinnerzielung bereits seit langem unter Beweis gestellt haben, mussten Kursrückgänge von durchschnittlich über 60 % verzeichnen.

Mit diesen extremen Kursverlusten, die selbst vor dem Hintergrund der im Jahr 2000 geplatzten Spekulationsblase als übertrieben erscheinen, steht die "equity culture" auf dem Prüfstand, die sich in Deutschland erst in den letzten Jahren langsam entwickelt hat. Viele Beobachter fürchten, dass die Begeisterung der Privatanleger für die Aktie genau so schnell wieder verschwindet, wie sie gekommen war. Auch die geplante generelle Besteuerung von Gewinnen aus Wertpapierverkäufen wird dabei nicht hilfreich wirken. Ein solcher Trend wäre aber fatal für die Aktienakzeptanz in Deutschland. Und zwar nicht nur auf der Anlegerseite, sondern auch bei den Unternehmen, die zur Finanzierung ihrer Aktivitäten auf Aktie und Börse angewiesen sind.

Börse hat Finanzierungsfunktion

Deutschland braucht die Aktie. Nur mit einer ausreichenden Eigenkapitalausstattung lassen sich Forschungsvorhaben und Investitionen finanzieren, die zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit erforderlich sind. Der Neue Markt war ein richtiger Ansatz. Junge, innovative Unternehmer konnten sich hier das Wagniskapital beschaffen, das die Banken als Fremdkapital nicht zur Verfügung stellen konnten. Dass im Zuge der Neuemissionshysterie auch Firmen an den Neuen Markt gebracht wurden, die nicht oder noch nicht reif für die Börse waren, ändert nichts an der grundsätzlichen Notwendigkeit eines Segmentes für junge Unternehmen. Als Konsequenz der aktuellen Vertrauenskrise kann nur ein intensiveres Begleiten der Emittenten auch nach Aufnahme der Börsennotiz folgen.

Unabdingbare Voraussetzung für die Erfüllung der Finanzierungsfunktion der Börse ist aber das Anlegervertrauen. Dieses ist nach den Kursrückgängen, den verschiedenen Bilanzskandalen und anderen unsauberen Machenschaften angeschlagen. Ohne die Bereitschaft der Anleger, einen Teil ihrer Ersparnisse direkt oder indirekt via Investmentfonds auch in Aktien anzulegen, ist die Börse nicht funktionsfähig. Die Privatanleger haben in den letzten zweieinhalb Jahren angesichts der teils rapiden, teils schleichenden Kursverluste eine bemerkenswerte Reife gezeigt. Die anhaltende Baisse hat verständlicherweise zu einem Rückgang der Aktionärszahlen geführt. Besaßen im ersten Halbjahr 2001 noch 13,4 Millionen Deutsche Aktien oder Anteile an Aktienfonds, so sank diese Zahl im ersten Halbjahr 2002 auf 11,6 Millionen. Dennoch ist angesichts der Kursdramatik der Rückgang ausgesprochen moderat.

Breite Streuung statt Einzeltitel

Der Großteil des Rückgangs lässt sich auf die Gruppe der direkten Aktionäre zurückführen. Während sich die Zahl der Aktienbesitzer im ersten Halbjahr 2002 im Vergleich zum Gesamtjahr 2001 um 1,015 Millionen auf 4,679 Millionen Personen verringerte, sank die Zahl der Fondsbesitzer nur um 863 000. Die Rückgänge schwächten sich im Halbjahresvergleich jedoch ab: Die Zahl der direkten und indirekten Aktionäre ging vom ersten Halbjahr 2001 zum zweiten Halbjahr 2001 um 1,231 Millionen zurück und sank in den folgenden sechs Monaten nur noch um 637 000.

Der Rückgang der Zahl der direkten oder indirekten Aktionäre um 14 % relativiert sich jedoch in der mittelfristigen Betrachtung. Im Jahre 1992 betrug die Zahl der Aktionäre und Besitzer von Fondsanteilen erst 5,6 Millionen. Ein Jahrzehnt später liegt die Zahl der Aktienbesitzer trotz der jüngsten Rückgänge dennoch doppelt so hoch.

Der langfristige Anstieg der Aktionärszahlen in Deutschland war hauptsächlich auf die zunehmende Zahl der Anleger zurückzuführen, die neben Aktien auch Aktienfondsanteile in ihr Depot aufnahmen. Ihre Zahl stieg von 627 000 im Jahr 1997 auf 2,75 Millionen im Jahr 2000, um dann auf 2,0 Millionen im ersten Halbjahr 2002 zu sinken. Die in den letzten Jahren stark gestiegene Aktienakzeptanz in Deutschland ist also vor allem eine Fondsakzeptanz. Dies mag angesichts der großen Aufmerksamkeit, die besonders der Neue Markt fand, überraschen, doch im Grunde ist es eine erfreuliche Entwicklung. Sie dokumentiert das Bewusstsein der Mehrzahl der Anleger, dass die breite Streuung über einen Fonds der riskanten Anlage in zu wenige Einzeltitel vorzuziehen ist.

Bilanzskandale schaden der Aktienakzeptanz

Neben den erheblichen Vermögensverlusten nach dem Platzen der Spekulationsblase, die Aktionäre wie Fondsbesitzer gleichermaßen erleiden mussten, sind die verschiedenen Bilanzskandale eines der größten Hemmnisse für eine weitere Zunahme der Aktienakzeptanz. Viele Anleger nehmen zwar den Inhalt der regelmäßigen Berichterstattung in Jahresabschlüssen, Quartalsberichten usw. nicht oder nur sehr oberflächlich zur Kenntnis. Sie vertrauen aber darauf, dass der Inhalt der Rechnungslegung grundsätzlich "stimmt", und sie vertrauen ebenso darauf, dass Spezialisten wie z.B. die Analysten oder auch Finanzjournalisten die Angaben auswerten und für Transparenz sorgen.

Das für eine breite Aktienakzeptanz erforderliche Vertrauen in die Ordnungsmäßigkeit der Rechnungslegung wurde erschüttert. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Skandale sich in Deutschland oder den USA ereignen: Beim Anleger verfestigt sich das undifferenzierte Gefühl, dass das gesamte Rechnungswesen börsennotierter Unternehmen hinterfragt werden muss. Ob Phänomene wie z.B. bei Enron auch nach den deutschen oder den auf europäischer Ebene bevorzugten IAS- Regeln hätten auftreten können, werden nicht zur Kenntnis genommen. Auch dass überführte Marktmanipulateure und Insiderhändler nur zu vergleichsweise lächerlichen Geldstrafen verurteilt und auf Bewährung freigelassen werden, dient nicht der Vertrauensbildung.

Um das Vertrauen zurückzugewinnen, müssen entschiedene Anstrengungen unternommen werden. Auch die Anleger selbst tragen Verantwortung. Wer riskante Engagements eingeht, ohne sich mit dem Unternehmen oder der Branche auseinanderzusetzen, darf keinen Dritten für schlechte Anlageresultate verantwortlich machen.

Unüberschaubare Informationsfülle

Das eigentliche Problem für den Privatanleger ist heute nicht mehr die Verfügbarkeit oder Aktualität von Informationen. Geschäftsberichte, Quartalsbericht und Ad hoc- Meldungen sind über das Internet jederzeit abrufbar. Auch die Internationale Anlegermesse in Düsseldorf bietet die Möglichkeit, sich unmittelbar bei Unternehmensvertretern zu informieren und konkrete Fragen zu stellen. Doch die Fülle an Informationen ist unüberschaubar geworden. Für begrenzte Zeit unterlagen viele Anleger dem Irrtum, das Internet würde ihre Informationsprobleme lösen. Informationsbeschaffung ist aber noch lange nicht deren Verarbeitung. Zudem lässt die Informationsqualität im Internet mangels redaktioneller Bearbeitung oft auch zu wünschen übrig.

Wirklich hilfreich wäre es für den privaten Anleger, wenn er die ihm zur Verfügung stehenden Informationen fundamental auswerten und in ihrer langfristigen Bedeutung sauber bewerten könnte. Dies setzt jedoch ein Maß an ökonomischer Bildung voraus, das bei vielen Aktionären nicht vorhanden ist. Abhilfe - wenn auch erst langfristig - schafft letztlich nur das vom Deutschen Aktieninstitut seit langem geforderte Schulfach Ökonomie an allen allgemeinbildenden Schulen.

Die Aktienkultur in Deutschland kann erst als gesichert gelten, wenn die Anleger das Wesen der Aktie richtig verstehen. Sie ist weder kapitalistisches Ausbeutungsinstrument noch die Fortführung des Spielcasinos mit größeren Mitteln, sondern ein optimales Instrument zur Beteiligung breiter Bevölkerungskreise am Produktivkapital. Als Produktivkapital verspricht sie eine im langjährigen Durchschnitt höhere Rendite als festverzinsliche Papiere, aber sie bedeutet auch ein zumindest kurzfristig höheres Risiko. Die jüngste Entwicklung hat drastisch gezeigt, wie stark dieses Risiko sich auswirken kann, nachdem die guten Jahre zuvor übertriebene Renditeerwartungen erzeugt hatten. Nun ist es an der Zeit, zur Normalität zurückzukehren - und zu einer nüchternen Betrachtungsweise. Dann hat die Aktienkultur ihre Reifeprüfung bestanden.

Rüdiger von Rosen, geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Deutschen Aktieninstituts (DAI), Frankfurt/Main.

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