Impfaktion gegen die Vogelgrippe
Nur ein kleiner Piekser

Die Impfaktion aller freilaufenden Hühner in den Niederlanden hat begonnen. Holland ist der erste Staat in der Europäischen Union, der seine Vögel flächendeckend impfen lässt. Aber noch ist nicht alles so gut organisiert, wie es der Minister gerne hätte.

ROTTERDAM. Sein langer schwarzer Mantel weht im eisigen Wind. Cees Veerman steht tapfer in einem Strohhaufen vor seinem Hühnerstall in Goudswaard, südlich von Rotterdam. Auf seinem Arm trägt der niederländische Landwirtschaftsminister eines seiner Zwerghühner. Es zittert - vor Kälte oder vor Angst. Der Haus-Tierarzt der Familie piekst mit einer winzigen Spritze in den Bauch des Huhns. Die Blitzlichter der Fotografen flackern auf. Das Huhn versteckt verschreckt seinen Kopf unter dem Arm des Ministers.

Die Impfaktion aller freilaufenden Hühner in den Niederlanden hat begonnen. Der Minister lächelt in die Kameras. "Die Impfung ist für uns sehr wichtig. Wir wollen damit präventiv die Ausbreitung des gefährlichen Virus verhindern", sagt er und lässt das Huhn wieder zurück in den Stall zu den knapp 30 anderen Tieren laufen. Fünf Hühner ließ Veerman gestern impfen. Es waren die allerersten in den Niederlanden. Die Tierarztpraxen im ganzen Land können frühestens ab Montag damit beginnen. Holland ist der erste Staat in der Europäischen Union, der seine Vögel flächendeckend impfen lässt. In Frankreich waren nur einige Gänse und Enten geimpft worden. Die Europäische Kommission hatte beiden Aktionen Ende Februar zugestimmt. Seitdem laufen die Vorbereitungen.

Die Frau von Minister Veerman steht eingepackt in eine dicke, braune Pelzjacke in der Hofeinfahrt und serviert den Journalisten Schnaps aus der Region gegen die Kälte. Die Gläser klirren. "Nein", sagt sie, "ich habe keine Angst vor der Vogelgrippe. Es wird schon nichts passieren." Zahlreiche Kamerateams drängen sich um das glückliche Bauernpaar. Und der Minister mimt den Tierfreund: "Als Besitzer der Tiere muss ich einfach impfen. Schließlich will ich sie nicht abschlachten - wie schon einmal vor drei Jahren."

Damals waren die Niederlande von dem Vogelgrippe-Virus H7N7 befallen worden und mussten 30 000 Vögel notschlachten. Das wollen sie diesmal verhindern - mit einer Massenimpfung. Die vorbeugende Maßnahme ist zwar nicht zwingend, wird aber Hobbytierhaltern und auch kommerziellen Produzenten empfohlen.

Aber noch ist nicht alles so gut organisiert, wie es der Minister gerne hätte. "Das ist sicherlich ein schöner Medien-Event, aber wir wissen noch gar nicht, wie die Impfungen ablaufen sollen, wie viel sie kosten und so weiter", sagt André Steentjes, Tierarzt im südniederländischen Someren und Mitglied des Beratungsgremiums der Regierung. Noch haben die Praxen keine Impfstoffe, denn der Verwaltungsaufwand ist riesig. Zunächst muss für jedes Huhn ein aufwendiger Bluttest durchgeführt werden, um sicher zu gehen, dass der H5N1-Virus nicht bereits das Tier infiziert hat. Dieser Test wird nach Den Haag ans Landwirtschaftsministerium geschickt. Von dort bekommen die Tierärzte nach einer weiteren Prüfung den Impfstoff und einen Ring, um den geimpften Vogel entsprechend zu markieren. "Das ist unglaublich aufwendig. Sie müssen sich vorstellen, dass wir allein neun verschiedene Ringgrößen brauchen - je nachdem, ob wir einen kleinen Singvogel oder einen Truthahn impfen", sagt Steentjes.

Landwirtschaftsminister und Tierärzte sind trotz Bedenken in den Nachbarländern vom Nutzen der Impfung überzeugt: "Der Stoff hat keine Nebenwirkungen für Tier und Mensch. Und geimpfte Tiere können den Virus nicht mehr weitergeben", sagt Steentjes.

Ruth Reichstein
Ruth Reichstein
Handelsblatt / Korrespondentin
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