"In Afghanistan werden Kriege nicht in den Städten geführt"
Taliban planen Guerillakrieg

Fünf Wochen nach Beginn der US-Luftangriffe kontrolliert die Nordallianz die afghanische Hauptstadt Kabul. Eigentlich ein Erfolg für alle gegen die Taliban kämpfenden Kräfte, doch die Reaktionen sind verhalten.

afp ISLAMABAD. Denn der Einmarsch der Oppositionstruppen in Kabul am Dienstag bedeutet nach Ansicht von Experten noch lange kein Ende des Krieges.

Nach dem unerwartet schnellen Rückzug der Taliban aus der Haupstadt wird sich die Anti-Terror-Koalition jetzt auf einen Guerillakrieg einstellen müssen. "In Afghanistan werden Kriege nicht in den Städten geführt, sondern in den Bergen", sagte ein Taliban-Vertreter. Dort wollen die Taliban nun kämpfen. Waffen und Lebensmittel wurden bereits ins Gebirge gebracht.

"Der Krieg wird in eine neue Phase eintreten. Die kann sehr lange dauern", meint Riffat Hussain vom Fachbereich für strategische Studien an der Quaid-e-Azam-Universität in Islamabad. Denn an Erfahrung und Ausdauer mangelt es den Taliban-Kämpfern nicht. Die Mudschahedin, aus denen die Gotteskrieger hervorgingen, haben mit ihrer Partisanentaktik immerhin die Sowjets nach zehnjähriger Besatzung vertrieben.

Die Taliban zählen auf die Spaltung der Nordallianz

Allerdings genossen sie die Unterstützung vieler westlicher Staaten, allen voran der USA. Heute sieht das anders aus. "Es wird hart für die Taliban, denn diesmal kämpfen sie gegen die ganze Welt", sagt ein ehemaliger afghanischer General, der unter dem kommunistischen Regime gegen die Mudschahedin kämpfte. Die Taliban zählen nun auf die Spaltung der Nordallianz. Die ethnisch heterogene Gruppe wird nur durch das gemeinsame Ziel des Kampfes gegen die Taliban zusammengehalten. Spätestens bei der Frage über die politische Zukunft Afghanistans könnte die Opposition zerbröckeln.

Und genau das fürchten die USA. Deshalb hatten sie auch die Nordallianz noch am Wochenende vor einer Einnahme Kabuls gewarnt. Doch Washington hat keine Kontrolle über die Oppositionstruppen. Ihre Aufforderung, nicht in die von Paschtunen dominierte Stadt einzudringen, befolgte die Nordallianz nicht. "Sie hatte aber keine andere Wahl, als nach dem Rückzug der Taliban in Kabul einzumarschieren", meint ein pakistanischer Journalist und Afghanistan-Kenner. Ohne einen Einmarsch der Oppositionstruppen wäre ein Sicherheitsvakuum entstanden. Doch nun dürfe die Nordallianz auf keinen Fall die Macht übernehmen, warnt ein anderer pakistanischer Experte.

Die Nordallianz will das Land nach eigenen Angaben nicht alleine regieren, sondern favorisiert eine multiethnische Regierung unter der Führung des ehemaligen afghanischen Königs Sahir Schah, der im römischen Exil auf seinen Ruf nach Kabul wartet. Nach Ansicht von Experten müssen vor allem Paschtunen gefunden werden, die sich für eine Regierungsbeteiligung eignen. Die wichtigste Persönlichkeit unter den paschtunischen Oppositionellen, Abdul Hak, wurde jedoch von den Taliban ermordet. Seinem unscheinbaren Nachfolger Hamid Karsai trauen die Experten nicht zu, die Bevölkerung zu einen.

Die USA, Russland und sechs Nachbarstaaten Afghanistans suchen bereits hektisch nach Möglichkeiten für eine neue Regierung. Denn die Machtfage stellt sich schon jetzt mit der Einnahme Kabuls. Während der Außenminister der Nordallianz, Abdullah Abdullah, keine Gefahr einer Auseinandersetzung zwischen der überwiegend paschtunischen Kabuler Bevölkerung und der Nordallianz sieht, befürchten Beobachter, dass die Stadt wieder Austragungsort ethnischer Konflikte wird. Bereits nach dem Sturz des kommunistischen Regimes 1992 und vor der Einnahme Kabuls durch die Taliban 1996 hatten verschiedene Bevölkerungsgruppen ihre Machtkämpfe in der Hauptstadt ausgetragen und sie in Schutt und Asche gelegt.

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