In dem osteuropäischen Land gibt es kaum Mittelständler
Gründer stehen in Ungarn fast auf verlorenem Posten

Erfolgreiche Existenzgründungen junger Unternehmer sind in Ungarn noch selten. Der Staat hilft ihnen nur wenig und der Nachwuchs sucht lieber Jobs bei Westfirmen.

Jozsef Palasti aus der mittelungarischen Stadt Kecskemet ist Bäcker aus Leidenschaft. Schon sein Vater, der dem sozialistischen System grundlegend misstraute, hatte ihm gesagt, wer in diesem Beruf arbeite, werde immer etwas zu essen haben. Die Liebe zum Handwerk hinderte den 41-Jährigen aber nicht daran, ein erfolgreicher Unternehmer zu werden. Heute dirigiert er die Fornetti Franchise Kft, die 1 200 Schaubäckereien in sechs Ländern mit tiefgefrorener Ware aus eigener Produktion versorgt.

Es habe keinen Sinn, sagt er, westliche Modelle zu kopieren. In Ungarn und seinen Nachbarländern sei das Lebensniveau niedriger, und das müsse man bei der Preiskalkulation beachten. "Die Leute wollen lieber Käsepogatschen statt Ananasgebäck oder Gänseleberhaschee." Sein Unternehmen stellt den Schaubäckereien eigens entwickelte Backöfen zur Verfügung. Coca-Cola, Nestle und Polaroid gehören inzwischen zu den Partnern von Palasti bei seinen Roadshows quer durch Ungarn.

Stolz verweist er darauf, die Expansion des 1997 gegründeten Unternehmens vorrangig mit reinvestierten Gewinnen finanziert zu haben. Seine Erfolgsstory erschien auch in einer Serie des Wirtschaftsmagazins "Figyelö", dessen leitender Redakteur György Kertesz berichtet, es sei gar nicht so einfach gewesen, genügend erfolgreiche Beispiele für Existenzgründungen zu finden.

Gründerszene sucht man in Ungarn vergebens

Im Grunde genommen, meint Kertesz, gebe es zurzeit in Ungarn keine richtige Gründerszene und kein entsprechendes Klima, auch kaum staatliche Hilfe für Existenzgründungen. "Ein junger, qualifizierter Ingenieur oder Manager mit Fremdsprachenkenntnissen und Auslandserfahrung beginnt seine Karriere in der Regel bei einem international operierenden Unternehmen, weil er dort gutes Geld verdienen kann."

Auch Arne Gobert vermisst eine Förderung junger Unternehmer, wie man sie etwa in Deutschland kennt. Gobert gehört zum Team der Budapester Anwaltskanzlei Burai-Kovacs und ist Mitgesellschafter der weltweit operierenden Beratergesellschaft Arthur Andersen. "Hilfen für Startups seitens des Staates und anderer öffentlicher Institutionen gibt es nicht." Und auch die im Juli beschlossene Änderung des Gesetzes zur Körperschaftssteuer fördere nur Großinvestitionen, bei denen mindestens 300 Arbeitsplätze geschaffen würden.

Allenfalls gebe es einige Stiftungen der Privatwirtschaft, die Existenzgründern finanziell unter die Arme greifen würden. Frank Adenauer, Geschäftsführer der internationalen Spedition Hungaroweiss in Törökbalint nahe Budapest, sieht die Dinge ähnlich. Und er fügt hinzu, dass es den jungen qualifizierten Leuten keinesfalls an Mut und Leistungsbereitschaft fehle. Die in Ungarn seit den Zeiten des Sozialismus mangelhafte soziale Absicherung habe die Menschen immer gezwungen, zu arbeiten und nach Alternativen zu suchen. "Traditionell sind die Menschen hier noch stärker als in Deutschland bereit, selbst etwas auf die Beine zu stellen."

Kleinunternehmer der Steuer wegen

Was aber ist von den über 700 000 kleinen, privaten Firmen zu halten, die in Ungarn gemeldet sind? "Dabei handelt es sich zu mehr als 90 Prozent um Individuen, die nicht unternehmerisch tätig werden, auf diesem Weg aber Steuern sparen", meint György Kertesz. Das rigide Steuersystem verleite viele Bürger dazu, wegen der Abschreibungsmöglichkeiten als Kleinunternehmer und nicht als Arbeiter oder Angestellter gegenüber dem Finanzamt aufzutreten.

Nun ist zu Beginn dieses Jahres mit dem sogenannten Szechenyi-Plan ein gewaltiges, auf sechs Jahre angelegtes Programm der Regierung angelaufen, mit dem Investitionen im Straßen- und Wohnungsbau, der Datenverarbeitung sowie Bildung und Wissenschaft finanziert und auch kleine oder mittlere Unternehmen gefördert werden sollen. Für die Jahre 2001/2002 sind dafür im Staatshaushalt etwa zwei Milliarden US-Dollar vorgesehen.

Doch die Praxis zeigt, daß etwa 90 Prozent der bislang aufgrund des Szechennyi-Plan bewilligten Investitions- und Fördermittel an Großunternehmen gegangen sind. Kertesz meint, immerhin seien auch schon einige Kleinunternehmer und Startups unterstützt worden und dies werde in den nächsten Monaten zunehmen. Die Regierung hat auch erklärt, sie wolle noch in diesem Jahr einen so genannten Risikokapitalfonds einrichten, der kleinen und mittleren Unternehmen gerade auf dem Gebiet der Informationstechnik Starthilfe geben werde.

Fehlen des Mittelstands ist das größte Problem der ungarischen Wirtschaft

Laut Wirtschaftsmagazin "Figyelö" erwirtschaften die hundert größten in- und ausländischen Unternehmen in Ungarn gut 40 Prozent des Bruttoinlandprodukts und bestreiten 63 Prozent des Exports. "Das Fehlen eines einflussreichen Mittelstandes ist das zentrale Problem unserer Wirtschaft", sagt Kertesz. Alle Regierungen seit 1990, die bürgerlichen wie die linken, hätten versprochen, kleine und mittlere Unternehmen zu fördern. "Doch das war nie die Wirklichkeit."

Auch die Banken des Landes haben sich bislang bei der Förderung von Existenzgründungen stark zurückgehalten. Verschiedentlich schafften es jüngere Unternehmer, den Start einer neuen Firma mit Hilfe internationaler Venture-Capital-Fonds zu finanzieren. Den meisten von ihnen gelang dies aber nur, weil sie schon Erfolge als Unternehmer vorweisen konnten. Beispiel dafür ist die Budapester E-Group, die im November 2000 aus der Verschmelzung eines Software-Entwicklers, einer Multi-Media-Firma und einer Consulting-Gesellschaft entstand und inzwischen in acht Ländern mit der Vermarktung elektronikgestützter System- und Managementlösungen aktiv ist. Ihr Vizepräsident Peter Malcsiner setzt dabei nicht vorrangig auf den Staat: "Es gibt genug finanzkräftige Leute und private Investoren im Land, die gute Ideen fördern."

Neben dem, zur Zeit allerdings hart umkämpften IT-, Software- und Internetmarkt sind es vor allem die Sparten Umweltschutz, Abfallbeseitigung und Recycling, Medizintechnik, Laserkommunikation und Biotechnik, die junge Unternehmer in Ungarn im Auge haben sollten, wenn sie an Neugründungen denken.

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