In den Erdbebengebieten Indiens fehlt es am Nötigsten
Das schwierige Überleben nach der Katastrophe in Indien

Die schlechte hygienische Lage und die Angst vor möglichen Nachbeben halten die Opfer in Atem. Alle indischen Krankenhäuser sind überfüllt.

ap AHMEDABAD. Vasantabehn Shah wickelt sich ihr dünnes Nylonkleid enger um ihren Körper und sieht nach, ob ihre Kinder gut zugedeckt sind. Es ist kühl in den frühen Morgenstunden des Montags auf den Straßen der nordindischen Millionenstadt Ahmedabad, und die 38-jährige Hausfrau und ihre Familie gehören zu den vielen Tausenden, die nach dem verheerenden Erdbeben vom Freitag bereits die dritte Nacht in Folge im Freien verbringen müssen. Fast 500 Menschen sind allein in Ahmedabad zu Tode gekommen und rund 1 000 verletzt worden.

Ihre Wohnung im vierten Stock des fünfgeschossigen Gebäudes auf der gegenüberliegenden Straßenseite war am Freitag von den gewaltigen Erdstößen das 7,9 Magnituden starken Bebens zwei Minuten lang wie ein Boot im Sturm hin- und hergeschüttelt worden. Nun hat das ganze Haus Schlagseite. "Ich habe nur das Stoßgebet 'Gott rette uns' hervorgebracht, meine Kinder genommen und bin die vier Treppen hinuntergerannt", erinnert sich Frau Shah.

Fast jede Straße in Ahmedabad hat sich seit Freitag in einen Freiluftschlafsaal verwandelt für Tausende von Menschen, die aus ihren unsicher gewordenen Häusern fliehen mussten. Rund hundert leichtere Erdstöße und stärkere Nachbeben haben die 4,5 Mill. Einwohner von Ahmedabad seitdem in Atem gehalten. Ein starkes Nachbeben ließ am Sonntagmorgen erneut Tausende in Panik aus ihren Häusern stürzen, und viele trauen sich seitdem nicht mehr hinein.

Niemand weiß, wie es weiter geht

Es ist ein schwieriges Überleben nach der Katastrophe, die Ahmedabad und die ganze Provinz Gujarat heimgesucht hat. Die meisten wissen nicht recht, wie es weiter gehen soll. Einige wollen zu Verwandten oder Freunden ziehen, die das Glück haben, nach dem Beben noch über eine intakte Wohnung zu verfügen. Besonders die hygienischen Zustände sind haarsträubend. Für die vielen obdachlosen Menschen gibt es kaum öffentliche Toiletten und Waschgelegenheiten. Einige benutzen die sanitären Einrichtungen noch intakter Gebäude, andere haben ihre Autos in Toiletten oder Schlafräume verwandelt.

Auch nach dem großen Beben in Indien zeigt sich, dass gemeinsam erfahrenes Unglück die Menschen zusammen bringt. Wildfremden Menschen werden heiße Mahlzeiten gereicht, und überall diskutieren die Leute, was als nächstes geschehen soll. In Vasantabehn Shahs Viertel haben einige Dutzend Männer ein "Yagna" organisiert, ein hinduistisches Reinigungsritual, das Glück bringen soll. Rund 80 Männer und Frauen versammelten sich um ein Feuer, stimmten religiöse Gesänge an, und zwei Priester gossen geklärte Butter in die Flammen.

Die Krankenhäuser der Stadt sind überfüllt; trotzdem wird niemand abgewiesen. Der Innenhof des größten Hospitals ist in eine Art Feldlazarett verwandelt worden. Nach Angaben des Direktors wurden seit Freitag 470 Tote und 780 Verletzte registriert. Die Toten werden sofort zu Leichenhäusern gefahren. Überall hängt der Geruch des Todes über den Ruinen. Ab und zu werden Räucherstäbchen abgebrannt, um den Verwesungsgeruch zu vertreiben. Nachts wird es für indische Verhältnisse bitter kalt: etwa sieben Grad. Feuer werden entzündet, wobei darauf geachtet werden muss, dass sie weit genug von den Nylonzelten entfernt sind, damit diese kein Feuer fangen.



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