In den USA steigt die Zahl von Bilanzmanipulationen
Mehrfach überfordert

Worldcom, Babcock, Kirch - Missmanagement, immense Schulden und die Wirtschaftskrise haben in diesem Jahr etliche Großunternehmen in den Ruin getrieben.

Scott Sullivan wird wohl in die Lehrbücher für angehende Betriebswirte eingehen. Mit einem simplen Trick hat es der frühere Finanzchef von Worldcom lange Zeit geschafft, die finanzielle Schieflage des US-Telekomkonzerns zu verschleiern.

"Verschwörung zum Wertpapierbetrug"

Sullivans Masche: Er bucht ganz gewöhnliche Betriebsausgaben von mehr 7 Mrd. Dollar als Investitionen. So macht Worldcom Gewinn, statt dicke Verluste auszuweisen. Unfassbar: Auch die Wirtschaftsprüfer merkten nichts. Sullivans Schwindel fliegt erst im Juli dieses Jahres auf. Unter einer Schuldenlast von 30 Mrd. Dollar bricht Worldcom, gemessen an der Börsenkapitalisierung einmal eines der wertvollsten US-Unternehmen, zusammen. Im August erhebt die US-Börsenaufsicht SEC Anklage gegen Sullivan wegen "Verschwörung zum Wertpapierbetrug".

Worldcom ist nicht der erste Fall, bei dem eine einst hoch angesehene Berufsgruppe versagt hat. Bereits im März klagt das US-Justizministerium den Wirtschaftsprüfer Arthur Anderson an, weil dieser Ende 2001, kurz vor dem Bankrott des weltgrößten Energiehändlers Enron, Dokumente vernichtet hatte. Etwa ein Viertel aller Unternehmenspleiten in den USA, so die offizielle Statistik, ist auf das unethische Verhalten von Managern zurückzuführen.

Die meisten Insolvenzen sind Folgen der Wirtschaftskrise

Mögen die Sitten auf den Führungsetagen auch verfallen - wie in Amerika so geht aber auch hierzulande die weitaus höhere Zahl von Insolvenzen auf das Konto der Wirtschaftskrise und Missmanagement. Im März erlebt Deutschland die erste Großpleite dieses Jahres: Der Baukonzern Philipp Holzmann stellt zweieinhalb Jahre nach der spektakulären Rettungsaktion von Bundeskanzler Gerhard Schröder einen Insolvenzantrag.

Im April geht es Schlag auf Schlag: Erst der Regionalflugzeugbauer Fairchild Dornier, dann der Büroartikelhersteller Herlitz und schließlich Kirch. Nacheinander melden Teile des Medienkonzerns Insolvenz an: Erst die TV-Sender und der Rechtehandel, einen Monat später das Bezahlfernsehen, Mitte Juni die Dachgesellschaft Taurus. Nur die Pay-TV-Tochter Premiere, die mit ihren Milliardenverlusten die ganze Gruppe in Schieflage gebracht hatte, halten die Banken mit Krediten über Wasser.

Etwa um die gleiche Zeit kreist der Pleitegeier über dem Oberhausener Maschinen- und Anlagenbauer Babcock Borsig. Ein letzter Versuch von Wolfgang Clement (SPD), damals noch Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, das Schlimmste mit Bürgschaften von Land und Bund sowie neuen Bankkrediten zu verhindern, scheitert. Anfang Juli meldet Babcock Insolvenz an. Immerhin können mit der danach folgenden Zerschlagung des Konzerns die meisten der 21 000 Jobs gerettet werden.

Großpleiten sind keine Überraschung

Für Daniel Stelter, Partner bei der Boston Consulting Group (BCG) sind etliche der jüngsten Großpleiten in Deutschland wenig überraschend. "In der Rezession trifft es oft diejenigen zuerst, die bereits in guten Zeiten ihre Sollrentabilität nicht erreicht haben." Tatsächlich waren Holzmann und Babcock seit Jahren angeschlagen. Beide Unternehmen agierten auf hart umkämpften Märkten mit geringen Margen. In beiden Fällen reichte die Finanzkraft nicht aus, eine neue Strategie erfolgreich umzusetzen.

Auch die akute Finanznot von Mobilcom war lange absehbar. Mit der Ersteigerung einer sündhaft teuren Lizenz für den neuen Mobilfunkstandard UMTS hatte sich der Mobilfunkanbieter übernommen. Doch eine Woche vor der Wahl am 22. September kann die rot-grüne Bundesregierung keine Negativschlagzeilen gebrauchen. Berlin greift der von der Insolvenz bedrohten Mobilcom mit ihren damals noch 4 000 Beschäftigten mit einem Überbrückungskredit unter die Arme. Wenig später, beim Aus für Quam, dem kleinsten Mobilfunkanbieter in Deutschland, schaut die Politik dagegen weg. Im November stellt Quam den Betrieb ein.

Punktuelle Eingriffe der Politik in den Markt verpuffen langfristig ohnehin. Vielmehr müssten, so Stelter, die Rahmenbedingungen verändert werden. Steuern, Sozialabgaben und Löhne in Deutschland seien im internationalen Vergleich zu hoch, die Eigenkapitalquoten und die Renditen zu niedrig. "Viele Unternehmen haben zu wenig Wasser unter?m Kiel", so der BCG-Mann.

Einen sicheren Schutz bieten die wirtschaftsfreundlicheren Verhältnisse in den USA indes nicht. Erst gehen die beiden Fluggesellschaften United Airlines und US Airways Pleite, dann erwischt es kurz vor Weihnachten den Allfinanzkonzern Conseco - nach Enron und Worldcom erleben die USA eine weitere Megapleite.

Quelle: Handelsblatt

Markus Hennes
Markus Hennes
Handelsblatt / Teamleiter Sport
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