In den USA und Deutschland noch keine Konsumzurückhaltung: Ökonomen sorgen sich um Kauflust der Verbraucher

In den USA und Deutschland noch keine Konsumzurückhaltung
Ökonomen sorgen sich um Kauflust der Verbraucher

Einkaufen war im Amerika des Herbstes 2001 die erste Bürgerpflicht: "Keep America rolling", warben Autohändler nach dem 11. September. "Buy American!" forderten patriotisch geschmückte Geschäfte an jeder Ecke. Die US-Bürger ließen sich nicht zweimal bitten: Mit einem bemerkenswerten Konsumrausch machten sie ihrem Ruf als wichtigste Stütze der US-Konjunktur alle Ehre.

and/ost/tor DÜSSELDORF. Jetzt haben sich die Zeiten geändert: Der US-Konsum befindet sich auf langsamem Sinkflug. Im vierten Quartal wuchs er nur noch mit einer Jahresrate von 1,4 %. Im Jahresschnitt legte er mit 3,1 % noch stärker zu als die Gesamtwirtschaft.

Ein längerer Waffengang könnte den Verbrauchern rund um den Globus die Lust am Einkaufen weiter verderben. "Wenn der Krieg länger dauert, könnten ironischerweise gerade die Länder, die den Krieg unterstützen, besonders betroffen sein", sagt Jim O?Neill, Volkswirt bei Goldman Sachs. Denn gerade in den USA und Großbritannien sparen die Verbraucher wenig und haben hohe Schulden. In Amerika zeigt die Vergangenheit, dass der private Verbrauch bei politischen Krisen oft einen Dämpfer erhält. In den sechs Golfkriegswochen 1991 sank der Konsum um 2 %. Wie stark die USA diesmal betroffen sein werden, steht und fällt mit Verlauf und Dauer des Kriegs. Je länger und blutiger der Waffengang, desto stärker vergeht den US-Bürgern die Konsumfreude. Andererseits könnte ein kurzer Krieg den Ölpreis kräftig drücken. Verbilligt sich das schwarze Gold dauerhaft um 10 $, dann steigt das verfügbare Einkommen der Verbraucher um 40 Mrd. $, hat John Riding von der Investmentbank Bear Stearns in New York ausgerechnet.

Derzeit ist in den USA von Konsumzurückhaltung noch kaum etwas zu spüren. Zwar haben viele Konsumenten die ersten Kriegstage vor dem Fernseher verbracht, und schon vorher waren die Umfragewerte des Verbrauchervertrauens stark gesunken - am Wochenende waren die US-Einkaufszentren dennoch gut gefüllt. "Das Leben geht weiter", sagte Wal-Mart-Sprecher Tom Williams. Deutliche Rückgänge verzeichnen bislang nur die Internet-Händler. In der vergangenen Woche sank der Online-Umsatz um 16 %, ergab eine Studie.

Konsumzurückhaltung in Großbritannien

Anders ist die Lage im Großbritannien: Dort drückt der Krieg bereits jetzt die Stimmung der Verbraucher. In vielen großen Hotels in London stehen Zimmer leer. "Es fehlen die Amerikaner", heißt es im "Ritz". Das "Meridien" überlegt, wie man die Zimmer mit anderen Touristen belegen kann. Im schlimmsten Fall müsse man ganze Etagen schließen. Auch einige Ladenketten nehmen schon das Wort "Schließung" in den Mund. Die Buchhandelskette WHSmith, die stark an Flughäfen und in Bahnhöfen vertreten ist, hat bereits Filialen zugemacht. Ähnlich sieht es bei den Reisebüros aus. Der größte britische Pauschal-Anbieter, My Travel, erlebt seit Wochen einen drastischen Buchungsrückgang.

Die krisengeschüttelten deutschen Einzelhändler bekommen von den Kriegsfolgen bislang hingegen wenig zu spüren: An den verkaufsoffenen Tagen nach Beginn der Angriffe habe der Einzelhandel nicht merklich weniger umgesetzt als sonst, sagte der Hauptgeschäftsführer des Hauptverbands des Deutschen Einzelhandels (HDE), Holger Wenzel. Dies werde vorerst so bleiben, erwartet auch Rolf Bürkl, Verbraucher-Experte der Gesellschaft für Konsumforschung. "Der Krieg wird negative Auswirkungen auf den Konsum haben, aber sie werden nicht besonders ausgeprägt sein" - wenn der Waffengang schnell zu Ende sei. Wichtiger seien für die deutschen Verbraucher die Angst vor der Arbeitslosigkeit, die Steuer- und Abgabenerhöhungen sowie die Konjunkturschwäche.

Es mag zynisch klingen, aber eine Branche profitiert derzeit eindeutig vom Krieg: die Londoner Spielkasinos. Sie melden mehr Umsatz als gewöhnlich. Schließlich sind weit mehr Scheichs an den Spieltischen zu sehen als sonst. "Wenn es im Mittleren Osten knallt, ziehen sich viele reiche Araber in ihren Zweitwohnsitz nach London zurück", freut sich ein Kasino-Betreiber.

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