In den USA und im Euro-Raum sind massive Zinssenkungen nicht ohne Risiken
Greenspan soll es wieder richten

Die Aktienkurse rutschen, der private Konsum scheint in den USA und im Euro-Raum in Gefahr. Volkswirte bezweifeln jedoch, dass der bisherige Verfall an den Börsen die Konjunktur in beiden Währungsräumen ernsthaft bedroht. Die Märkte setzen dennoch auf die Geldpolitik: Zinssenkungen sollen die Sorgen wegwischen.

FRANKFURT/M. Die Aktienkurse an den Börsen sind erneut ins Trudeln geraten. Die Finanzmärkte erhoffen sich von den wichtigsten Notenbanken der Welt eine expansive Geldpolitik, die mit kräftigen Zinssenkungen die konjunkturellen Risiken hinwegspülen soll. Vor allem der Chef der US-Notenbank Fed, Alan Greenspan, soll es richten: Für die USA wird für Dienstag eine Zinssenkung um mindestens 0,5 Prozentpunkte erwartet. Auch die Future-Rates im Euro-Raum haben Ende vergangener Woche wieder die Erwartung einer leichten Zinssenkung im Sommer angezeigt.

Das Konjunkturbild in den USA und im Euro-Raum ist aber nach Meinung von Volkswirten aus Banken und Forschungsinstituten nicht so negativ, dass es maßlose Zinssenkungen ohne Risiken erlauben würde. Trotz der rasanten Aktientalfahrt halten die Konjunkturbeobachter an ihrer zurückhaltend-positiven Einschätzung der Weltwirtschaft fest. "Es besteht kein Grund, die Lage zu dramatisieren", sagt Joachim Scheide vom Kieler Institut für Weltwirtschaft.

Einiges spricht dafür, dass das kein Pfeifen im Walde ist, sondern Realismus, der sich von den Nervositäten der Märkte nicht anstecken lässt. Entscheidend für die Auswirkungen des Börsenkursverfalls auf die Weltkonjunktur ist, ob sich die Konsumenten diesseits und jenseits des Atlantiks vom Aktienpessimismus anstecken lassen und ihre Verbrauchsausgaben einschränken.

Keine Gefahr in Euroland

Für den Euro-Raum ist diese Gefahr gering: Der Chefvolkswirt der Commerzbank, Ulrich Ramm, betont, der private Konsum speise sich hier zu Lande weit weniger als in den USA aus Vermögenseffekten durch Aktienkursgewinne. Den Anteil der Haushalte, die Aktien halten, sieht Ramm in den USA bei rund drei Viertel. In Europa seien es knapp 20 %, sagt Jens Dallmeyer von Deutsche Bank Research (DBR).

Untersuchungen der OECD zufolge trägt der Aktienbesitz in Deutschland gerade mal 13 % zum Nettovermögen der privaten Haushalte bei, in Italien sind es 10 %. Kein Wunder, dass das Verbrauchervertrauen im Euro-Raum den Aktienindizes bislang kaum gefolgt und nur leicht abgerutscht ist; nach wie vor liegt es auf sehr hohem Niveau. Zwar hat sich das Wachstum des privaten Konsums in Euro-Land schon im zweiten Halbjahr 2000 spürbar abgeschwächt, die Zuwachsraten zum Vorquartal gingen von außergewöhnlich kräftigen 0,8 % im ersten auf 0,2 bis 0,3 % im zweiten Halbjahr zurück. Grund zur Sorge ist das aber für die Konjunkturbeobachter noch nicht: Die Steuersenkungen in wichtigen Euro-Staaten und der - wenn auch abgeschwächte - Beschäftigungszuwachs in diesem Jahr sollten den privaten Verbrauch wieder beleben, heißt es.

Ramm und Scheide halten Zinssenkungen im Euro-Raum auf absehbare Zeit für unnötig und gefährlich. Die Konjunktur laufe abgeschwächt, aber dennoch robust. Die Inflationsrisiken seien dagegen noch nicht gebannt. Im Februar kletterten die Verbraucherpreise um 2,6 %, nach 2,4 % zu Jahresbeginn. Die Kerninflationsrate, aus der die kritischen Preise für Energie/Rohöl und Nahrungsmittel ausgeschlossen sind, stieg in beiden Monaten um 1,7 %.

Selbst für die USA, wo das Verbrauchervertrauen in den vergangenen Monaten deutlich abrutschte, ist das Bild des privaten Konsums weniger kritisch als es die panikartigen Sorgen nach dem Aktienkursverfall nahe legen. Der Michigan-Index für das Verbrauchervertrauen, der zuletzt kräftig nachgab, hat sich im März leicht erholt. Der Blick in die Zukunft verrät wieder Optimismus: Dieser Teilindex stieg von 80 auf 84 Punkte.

Dallmeyer gibt freilich zu bedenken, dass in dieser Umfrage der jüngste Aktienkursverfall wohl noch nicht berücksichtigt sei. Dennoch meint der DBR- Ökonom, der private Verbrauch dürfte sich in den USA als relativ stabil erweisen. Der Kursverfall seit Anfang 2000 hat das Aktienvermögen der US-Haushalte um rund zwei Billionen Dollar verringert, hat DBR berechnet. Aber die seit 1991 aufaddierten Kursgewinne lägen mit rund 15 Billionen Dollar immer noch über dem Niveau von Mitte 1999. Das spricht dagegen, dass der US-Konsum dauerhaft einbricht. Scheide verweist zudem darauf, dass rationale Anleger die vergangenen Übersteigerungen an den Aktienbörsen kaum für bare Münze genommen haben dürften.

Auch Berechnungen der Bank für internationalen Zahlungsausgleich lassen den Zusammenhang zwischen Aktienkursverfall und Konsum weniger dramatisch erscheinen, als er gespielt wird: Auf lange Sicht steigt der US-Konsum um 1,2 %, wenn das Vermögen der privaten Haushalte um 10 % zulegt. Auf kurze Sicht sind es nur 0,4 %. Aktien tragen mit weniger als einem Drittel zum Vermögen der US-Haushalte bei.

So werten die Volkswirte den Rutsch an den Aktienbörsen zwar als Risiko für die US-Konjunktur. Sie rechnen mit einer Zinssenkung der Fed um 0,5 Punkte am Dienstag. "Mehr kann die Fed aber nicht machen", mahnt Scheide. Sonst würde die Notenbank die nach allgemeiner Erwartung im zweiten Halbjahr wieder anziehende Konjunktur übermäßig anheizen. Auch Ramm sieht unter dieser Bedingung keinen Spielraum für weitere Zinssenkungen der Fed.

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