"In den USA zählen die Argumente, weniger die Hierachie": Immer mehr Deutsche suchen ihr Glück in der Ferne

"In den USA zählen die Argumente, weniger die Hierachie"
Immer mehr Deutsche suchen ihr Glück in der Ferne

Mehr als 110 000 Deutsche jährlich zieht es langfristig ins Ausland. Starthilfe auf dem Weg ins Glück in der Fremde gibt eine internationale Personalagentur. Bei der ZAV können sich Fachkräfte vorher umfassend beraten lassen.

HB BONN/NEW YORK. Ein Arbeitsplatz in Deutschland ist für den Arzt Ulrich Thienel kaum noch vorstellbar. 32 Jahre alt war Thienel, als er die Heimat Richtung New York verließ, in der Tasche seinen deutschen Facharzt-Abschluss und das US-Staatsexamen für Mediziner. "Weihnachten ist zwar immer die Zeit, in der es einen nach Hause treibt", sagt der heute 40-Jährige. "Aber dauerhaft nach Deutschland zurückkommen werde ich wohl frühestens im Rentenalter - wenn überhaupt." Thienel ist einer von jährlich 110 000 Deutschen, die ihre Koffer packen und - zumindest für einige Zeit - im Ausland ihr Glück suchen. Und wenn sie dort wie Thienel aufgeschlossene, engagierte Kollegen treffen, dann kommen zumindest Spitzenkräfte selten zurück.

Wer sich wie der deutsche Arzt im Ausland versuchen will, kann sich von einer internationalen Personalagentur vorher umfassend beraten lassen. Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) heißt die Bonner Einrichtung, die zur Bundesanstalt für Arbeit gehört. Gegründet Mitte der 50er Jahre, hat die ZAV in den vergangenen zehn Jahren rund 60 000 Deutsche erfolgreich in alle Welt vermittelt, von Pflegekräften, die nach Skandinavien gingen, bis zu Bauingenieuren, die in China landeten.

"Im Ausland genießen deutsche Fachkräfte einen guten Ruf", sagt die Beraterin im Info Center Ausland Jessica Voß. Die 34-jährige gelernte Gymnasiallehrerin hat selbst mehrere Jahre in Frankreich und in Venezuela verbracht. "Besonders gefragt sind deutsche Techniker, Maschinenbauer, alle Arten von Ingenieuren, Automobilfachleute und Handwerker." Aber auch für Menschen mit anderen Berufen sieht Voß Chancen im Ausland - wenn sie eine gewisse Berufserfahrung von zwei, drei Jahren besitzen. "Für frische Uni- Absolventen oder Gesellen heißt das: Sie sollten erst mal ein längeres Praktikum im Ausland in Erwägung ziehen."

Doch es gibt auch Ausnahmen. Einer der Anrufer, die Voß an diesem Morgen berät, ist Michael Goldmann - 20 Jahre alt, Schreiner- Geselle, ohne weitere Berufserfahrung. Doch Voß fischt drei Jobangebote aus der Datenbank, die sich auch an den Berufsanfänger richten: eine Schreiner-Stelle in Österreich, eine in Schottland und eine in Kanada. "Das hört sich doch recht gut an", meint Goldmann. "In Deutschland kriege ich ja sicher keinen Job." Da seine Schwester in Irland als Goldschmiedin arbeite, sei er auf die Idee mit dem Ausland gekommen. "Ich möchte einfach etwas Neues erleben."

Aus dem gleichen Grund zog es einst den Mediziner Thienel in die Ferne. Inzwischen hält ihn auch etwas anderes in Amerika: "Es zählt hier die Qualität der Argumente, nicht so sehr die Hierarchie", sagt Thienel nach fast acht Jahren USA, wo er mit einer Forschungsstelle an der renommierten Columbia University begann und heute in einer Biotech-Firma die klinische Entwicklung leitet. "Man bekommt viel mehr positive Rückmeldungen seitens der Kollegen, wird gefördert, damit man besser wird und Erfolg hat." In Deutschland werde oft das Gegenteil praktiziert, meint er.

Zwei seiner deutschen Freunde in den USA - eine Werbefachfrau und ein Arzt - hatten den Schritt zurück in die Heimat gewagt. Nach zwei, drei Jahren brachen sie das Experiment entnervt ab. "Geh nicht zurück", rieten sie Thienel. Zu unflexibel sei die deutsche Kollegenschaft gewesen, zu wenig die Meinung der Heimkehrer akzeptiert worden. "Da wird man mit viel Neid konfrontiert", sagt Thienel. New York zieht er weiterhin vor: "Die Stadt ist offen, kunterbunt und faszinierend."

Weitere Informationen bei der ZAV: www.arbeitsamt.de/zav/jobs; Europäische Arbeitsverwaltungen (EURES): http://europa.eu.int/eures/home.jsp; EU-Programm für junge Arbeitnehmer: www.na-bibb.de/leonardo; Hotline des Info Center Ausland (ZAV): 0180/522 20 23)

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