In der Aktienkrise entwickeln Banken und Emittenten Ausweichstrategien
Unternehmen erschließen neue Geldquellen

Die Krise an den Börsen hinterlässt im Geschäft mit Aktienplatzierungen tiefe Spuren. Nach dem Kursrutsch sitzen die Investoren eindeutig am längeren Hebel und machen Druck auf die Preise. Banken und Emittenten entwickeln Ausweichstrategien, um den Zugang zum Kapitalmarkt offen zu halten.

21.8.2002. FRANKFURT/M. Die Lage an den Märkten hat sich radikal verändert. Mit Börsengängen ist angesichts der weltweiten Aktienkrise im Moment kaum Staat zu machen. Die professionellen Investoren haben ihre Anforderungen an Kapitalmarkttransaktionen deutlich nach oben geschraubt. Und Privatanleger spielen bei der Platzierung neuer Aktien kaum noch eine Rolle. Das Jahr 2001 ist in Europa das Jahr der Kapitalerhöhungen und der Ausgabe von Bezugsrechten durch die Unternehmen - so genannte Zweitplatzierungen dominieren das Geschehen.

Denn Geld brauchen die börsennotierten Gesellschaften auch in schwierigen Zeiten. Allerdings müssen sie den Investoren größere Zugeständnisse machen. Wenn Preis und Story stimmen, lassen sich aber auch jetzt noch Aktien im Milliardenvolumen an den Mann bringen, sogar innerhalb weniger Stunden.

Das galt etwa für die Platzierung von Anteilsscheinen des britischen Mobilfunkkonzerns Vodafone. Im Mai brachte Vodafone-Chef Chris Gent gemeinsam mit den Investmentbanken UBS Warburg und Goldman Sachs innerhalb eines Tages Anteile im Wert von mehr als 5,6 Mrd. am Markt unter. Im Juli hatte die Royal Bank of Scotland Aktien im Wert von 3,4 Mrd. im Eilverfahren platziert. In Deutschland dauerte die Platzierung von Heidelberger-Druck-Anteilen im Wert von 360 Mill. ebenfalls nur wenige Stunden. Zuletzt sorgte die Deutsche Bank mit dem Verkauf von 44 Mill. Aktien der Deutschen Telekom im Auftrag des Hongkonger Konzerns Hutchison Whampoa für - wegen des anschließenden Kursrutsches allerdings negative - Schlagzeilen.

Nach Einschätzung von Matthias Mosler, Head of Equity Capital Markets für Europa bei Merrill Lynch, geht der Trend eindeutig weg von langwierigen Platzierungen mit mehreren Wochen Laufzeit hin zu kurzen Transaktionen, die innerhalb weniger Tage oder gar Stunden über die Bühne gehen. "Das richtige Timing wird wichtiger als das Marketing", macht Mosler deutlich.

Schnellplatzierungen im Rahmen so genannter Accelerated Global Tender (AGT) und Block-Verkäufe machen in diesem Jahr mehr als die Hälfte aller Aktientransaktionen in Europa aus. Weitere 13 % entfallen auf sonstige Zweitemissionen. Klassische Börsengänge kommen dagegen nur noch auf einen Anteil von 33 %.

Nach Meinung von Georg Hansel, Managing Director der Deutschen Bank, hat vor allem "das schwierige Marktumfeld zur Fokussierung auf Zweitplatzierungen geführt". Angesichts der enttäuschenden Kursentwicklung vieler Neuemissionen legten die Anleger starken Wert auf eine lange Börsenhistorie und Profitabilität der Unternehmen. Dieser Trend sei im übrigen nicht nur in Europa, sondern auch in den USA zu beobachten. Im kommenden Jahr erwartet Hansel in Deutschland eine ganze Reihe weiterer großer Zweitemissionen. Als wichtigen Impuls nennt er die ab 2002 geltende Steuerfreiheit von Beteiligungsverkäufen.

Nach Moslers Meinung wird die Aufgabe, vor der Banken und Emittenten stehen, immer komplexer. "Das Emissionsgeschäft ist deutlich volatiler als früher", sagt der Experte. Zum einen nutzten die professionellen Anleger ihre Marktmacht, um die Preise zu drücken. Gleichzeitig etabliere sich ein neuer Investmentstil: "Die Hedge-Fonds-Industrie wird immer wichtiger", beobachtet der Banker. Immer mehr Großanleger würden "ereignisgetrieben agieren" und mit kurzfristig angelegten spekulativen Strategien versuchen, Geld zu verdienen. Bei Hedge-Fonds handelt es sich nicht um herkömmliche Investmentfonds, sondern um weitgehend unregulierte Kapitalsammelstellen, die oftmals in Steueroasen sitzen. Sie streben im Gegensatz zu traditionellen Fonds hohe absolute Renditen an. Während Fonds meist den relativen Erfolg im Vergleich zu bestimmten Maßstäben wie Indizes suchen, zählt für Hedge-Fonds lediglich das absolute Anlageergebnis.

"Die Realität hat am Markt wieder Einzug gehalten", lautet Moslers Fazit. Die kritischere Haltung der Investoren und eine realistischere Selbsteinschätzung der Emittenten sorgten nach der Überhitzung im vergangenen Jahr wieder für eine bessere Qualität der Platzierungen. Eine entscheidende Rolle für den Erfolg der Kapitalmaßnahmen fällt dabei den größten Fondsinvestoren in Europa wie Barclays Global Investors und Merrill Lynch Investment Managers zu.

Eine Meinung, die Thomas Ehren, Leiter Corporate Finance der Beratungsgesellschaft KPMG in Deutschland, teilt. "Insgesamt steigt die Qualität", sagt der Experte. Ein Zeichen dafür sei die intensivere Vorbereitung der Unternehmen auf den Börsengang. Habe die heiße Phase während des Technologiebooms oft nur noch vier bis fünf Monaten gedauert, so nähmen sich die Börsenkandidaten jetzt mindestens neun Monate Zeit, um sich fit für den Kapitalmarkt zu machen. "Wir arbeiten aber auch an komplexeren Emissionen, die erst in zwei bis drei Jahren an den Markt kommen werden", berichtet Ehren. "Der Markt für Börsengänge wird erst im Laufe des nächsten Jahres drehen", urteilt John B. Jetter, Head of Investment-Banking bei J.P. Morgan Chase in Frankfurt. Dann sollten sich die schlechten Marktverhältnisse wieder gebessert haben.

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