In der Bundesregierung wächst der Unmut über den Konzernchef
Telekom fehlt Alternative zu Sommer

Die Aktien der einst staatlichen Telekomunternehmen Europas sind erneut abgestürzt. Ursache ist die Sorge der Finanzmärkte, dass die alten Telekoms ihre Ortsnetzmonopole demnächst verlieren könnten.

dri/slo/uhl BERLIN/DÜSSELDORF. Die Aktionäre der Deutschen Telekom AG werden für ihr Durchhalten nicht belohnt. Der Kurs der T-Aktie stürzte nach zweijähriger Talfahrt am Dienstag zeitweilig auf ein Allzeittief von 12,46 Euro. Das Papier liegt damit um mehr als 2 Euro unter seinem Ausgabekurs bei der Börsenpremiere vor sechs Jahren.

Die Kursflaute verdirbt auch dem Großaktionär Bund so nachhaltig die Laune, dass in Berlin erneut Gerüchte um eine vorzeitige Entlassung von Telekom-Chef Ron Sommer kursieren, dessen Vertrag bis 2005 läuft. Eine rasche Ablösung des Vorstandschefs sei allerdings wegen einer fehlenden überzeugenden personellen Alternative nicht zu erwarten, heißt es in Regierungskreisen. Wie es in Aufsichtsratskreisen heißt, ist ein Vorstoß zur Ablösung Sommers zuletzt im vergangenen Jahr an mangelnden Ideen für die Nachfolge gescheitert.

Kein Politiker von SPD und Grünen fordert bisher, den Vorstandschef in die Wüste zu schicken. Und Aufsichtsratsvorsitzender Hans-Dietrich Winkhaus sagte dem Handelsblatt: "Der Aufsichtsrat steht geschlossen hinter Herrn Sommer." Doch in Berlin hat die innere Absetzbewegung von Sommer begonnen. Das gilt nach Einschätzung von Koalitionsexperten auch für das Bundesfinanzministerium, das zu den Spekulationen jede Stellungnahme ablehnt.

Die Haushaltsexperten der Koalition machen sich Sorgen wegen der Auswirkungen des Kursverfalls der Telekom-Aktie auf den Bundeshaushalt. Mit den Einnahmen aus Aktienverkäufen und Dividenden der Post-Nachfolgeunternehmen müssen die Pensionskassen für die ehemaligen Postbediensteten finanziert werden. Zwar sei der in diesem Jahr fällige Zuschuss von 5,4 Mrd. Euro gesichert, hieß es in der Koalition. Im nächsten Jahr aber werde man die Pensionskassen ohne Aktienverkäufe kaum finanzieren können.

Es erscheint jedoch fraglich, ob eine Ablösung Sommers der T-Aktie helfen würde. "Nichts würde sich ändern", meint Hans Huff, Analyst bei der Bankgesellschaft Berlin. Der teure Kauf von Voicestream und die hohen Preise für UMTS-Lizenzen, die den Kurs drücken, seien nicht mehr rückgängig zu machen. Bei Fondsmanagern und Investmentbankern ist Sommer als Person durchaus anerkannt, wie dem Handelsblatt mehrfach bestätigt wurde. Der Vorteil eines neuen Chefs könne allenfalls darin liegen, dass dieser Voicestream ohne Gesichtsverlust wieder verkaufen könnte, hieß es.

Das aktuelle Kursdesaster begründen Experten nicht mit einem Versagen Sommers, sondern mit der Branchenentwicklung. Nach Vorlage der jüngsten Bilanzen hat unter angelsächsischen Analysten das Grübeln darüber eingesetzt, ob denn die Ortsnetzmonopole der europäischen Ex-Telefonmonopolisten tatsächlich so unknackbar sind, wie sie bisher erscheinen. So verlor France Télécom nach Öffnung des Ortsnetzes binnen weniger Monate 10 % Marktanteil. Die Telekom-Festnetztochter T-Com verzeichnete im letzten Quartal 2001 Umsatzrückgänge um 8 %. Die EU-Kommission zwingt zudem alle Mitgliedstaaten zur Einführung von Call-by-Call-Gesprächen im Ortsnetz. Bei den hohen Schulden könnten bereits leichte Umsatzeinbußen im Festnetz, der bisherigen Cash-Cow, jede der alten Telekoms in eine Schieflage bringen, fürchten die professionellen Anleger.

Die Neuentdeckung der Chancen von Wettbewerbern ließ in der vergangenen Woche die Kurse aller Ex-Monopolisten stürzen: KPN verlor 23 %, France Télécom 18 %, Sonera 15 %, Telia 14 %, die Deutsche Telekom 13,5 %. Wettbewerber wie Colt Telecom, die zuvor durch ein Kurstal der Tränen gegangen waren, legten zu.

Dieser Hintergrund erklärt, warum die Telekom einen erneuten Vorstoß gegen die Regulierung plant. Wie es in Unternehmenskreisen heißt, erwägt sie eine Verfassungsbeschwerde gegen die Öffnung der Ortsnetze: Diese seien für die Telekom wegen der Verpflichtung zur Flächendeckung unrentabel.

Quelle: Handelsblatt

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