In der Fußball-Bundesliga wird zunehmend versucht, undisziplinierte Spieler mit Geldstrafen zu erziehen: Bohei für den Baggerfahrer

In der Fußball-Bundesliga wird zunehmend versucht, undisziplinierte Spieler mit Geldstrafen zu erziehen
Bohei für den Baggerfahrer

Wenn Bundesliga-Spieler ihre Trainer kritisieren oder die Partynächte allzu lange dauern, müssen sie mit Kürzungen bei der Gehaltszahlung rechnen. Die Klubs glauben, in der Öffentlichkeit Härte gegenüber ihren hoch bezahlten Angestellten zeigen zu müssen.

DÜSSELDORF. Eifrige Chronisten notierten als Abfahrtzeit 4.36 Uhr. Marcelinho, Fußballprofi in Diensten des Bundesligisten Hertha BSC, verließ nach durchtanzter Nacht die Bar "Taba" in Berlin-Mitte. Ein südamerikanisches Lokal, in dem sich der Brasilianer fern des Zuckerhuts heimatliche Karnevalsgefühle sicherte.

Da die Hertha aber derzeit nicht allzu oft gewinnt, Marcelinho auf dem Platz nur noch selten Sambabewegungen vollführt und außerdem schon häufiger zu fortgeschrittener Stunde in Partystimmung gesichtet wurde, platzte den Klubverantwortlichen der Kragen. Allen voran Dieter Hoeneß. Für den Manager war es eine Grundsatzfrage, "ob ein Spieler nach Niederlagen die Puppen tanzen lassen kann". Dieses Verhalten, so Hoeneß, "widert mich an".

Der Verein belegte den Topverdiener Anfang der Woche mit einer Geldstrafe, die irgendwo zwischen 10 000 und 20 000 Euro betragen haben soll. Es war der jüngste Fall einer ganzen Serie von "Knöllchen", die die Erstliga-Klubs in den vergangenen Wochen an ihre Angestellten verteilten. Michael Ballack kritisierte in München das Spielsystem seines Trainers Ottmar Hitzfeld, Frank Rost duellierte sich in Schalke mit dem Kollegen Jörg Böhme und brüllte seinem Coach Frank Neubarth ein paar wenig nette Worte ins Gesicht, Jens Lehmann hatte in Dortmund Probleme mit dem Mannschaftskameraden Marcio Amoroso und flog mal wieder vom Platz, Jiri Kaufmann beschwerte sich in Hannover über eine Auswechslung. Sie alle wurden mit einer Geldstrafe bedacht.

Was nach dem öffentlichen Urteil durch die klubeigenen Hobbyrichter tatsächlich passiert, bleibt freilich in den meisten Fällen ungeklärt. "Höchstens 50 Prozent der ausgesprochenen Geldstrafen werden wirklich eingetrieben", schätzt Thomas Hüser von der Spielergewerkschaft VdV. Und selbst wenn die Summen bei der Gehaltszahlung einbehalten werden, trifft dies besserverdienende Profis kaum.

"Die Geschichten sind doch mehr für die Öffentlichkeit gedacht", verfolgt ein Spielerberater den ganzen Bohei gelassen. "Wenn ein Baggerfahrer, also der typische Bild-Zeitungs-Leser, liest, dass der Ballack 25 000 Euro zahlen muss, sagt der doch: Boah, das war ein teurer Spaß." Für einen Arbeitnehmer, der nur 25 000 Euro im Jahr verdiene, sei das eben viel Geld. Bei Spitzenverdienern mit mehreren Millionen Euro dagegen würden diese Geldstrafen keine disziplinierende Wirkung haben. Dennoch arbeiten gerade Trainer wie Otto Rehhagel und Werner Lorant immer wieder gern mit dem Griff ins Portemonnaie aufmüpfiger Fußballer.

Für die Spielergewerkschaft steht jedoch fest, dass diese Maßnahmen der Klubs juristisch höchst fragwürdig sind. "Es gab zwar 1986 mal einen Prozess, in dem ein Spieler vor Gericht den Kürzeren zog. Heute aber würde anders entschieden", ist VdV-Justiziar Frank Rybak überzeugt. Gleichwohl lassen sich die Profis wegen vergleichsweise geringer Summen nicht auf den Gang vor den Richter ein, weil sie das Verhältnis zu ihren Arbeitgebern nicht belasten und sich außerdem in der Szene keinen Ruf als notorische Quertreiber erwerben wollen.

"Im Moment fördern wir mögliche Prozesse nicht aktiv", bestätigt Rybak die kontrollierte Defensive, doch in Gesprächen mit der Deutschen Fußball-Liga wird immerhin versucht, die Modalitäten in den Musterverträgen zu verändern. Dabei geht es darum, dass nur noch "Hauptpflichtenverstöße" sanktioniert werden können. Soll heißen: Kommt zum Beispiel ein Brasilianer, wie in einigen Klubs schon geschehen, nicht pünktlich aus dem Heimaturlaub zurück, ist dies auch in Augen der Gewerkschaft ein nicht hinzunehmender Verstoß.

Nicht selten wirkt das Aussprechen der Geldstrafen ohnehin wie ein Eingeständnis der Führungskräfte aus dem Trainerstab und dem Management, nicht auf vernünftige Art und Weise mit dem teuren Mitarbeiter umgehen zu können. Schließlich gibt es, so ein Spielerberater, "weit subtilere und wirkungsvollere Mittel" zur Disziplinierung: "Vor allem bei stark leistungsabhängigen Verträgen hilft es doch viel mehr, wenn ein Trainer einen Spieler mal zwei Spiele auf die Bank setzt." Wer 15 000 Euro pro Punkt erhält, muss nach zwei gewonnenen Partien ohne eigenes Mitwirken schon 90 000 Euro abschreiben. Praktiziert wird dieses System derzeit insbesondere in Kaiserslautern, wo dem alternden Profi Mario Basler meist nur noch ein Bankplatz zugewiesen wird.

Zu bedenken ist bei vielen Verträgen auch, dass eine Jahresleistungsprämie gezahlt wird, die nach der Zahl der Einsätze gestaffelt ist. Ein Spiel mehr oder weniger kann eine 20 Prozent geringere Auszahlung bedeuten. Eine taktische Einwechslung kurz vorm Abpfiff erhält daher womöglich besondere Bedeutung. Vor allem in bedeutungslosen Spielen gegen Saisonende tun sich für die Klubs Sparpotenziale auf, sofern der Trainer entsprechend aufstellt.

Auch bei Hertha BSC ist gut möglich, dass Marcelinho am Samstag gegen 1860 München nicht eingesetzt wird. Die zuvor ausgesprochene Geldstrafe ist für den Spielerberater Jörg Neubauer, zu dessen Kunden auch Nationalspieler Christoph Metzelder gehört, ein probates Mittel, "zum Nachdenken anzuregen". Marcelinho habe den falschen Zeitpunkt für Partys ausgewählt. "Wenn er das nicht einsieht, muss man den Vertrag auflösen. Dann kann er immer Karneval feiern."

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