In der IG Metall wächst die Kritik
„Kollege Peters ist über das Ziel hinausgeschossen“

Damit hatte die Spitze der IG Metall nicht gerechnet. Ein eindeutiges Signal der Solidarität an die Streikenden in Ostdeutschland sollte von ihrer groß angelegten Konferenz der Automobil-Betriebsräte in Frankfurt ausgehen. Doch stattdessen hagelte es heftige Kritik.

BERLIN. Vor allem IG-Metall-Vize Jürgen Peters, zuständig für die Tarifpolitik, und sein ostdeutscher Verhandlungsführer Hasso Düvel standen während der Sitzung im Marriott-Hotel unter Beschuss. "Es ist klar geworden, dass es keine durchdachte Strategie in diesem Arbeitskampf gibt", berichtet ein Teilnehmer frustriert.

Die Gewerkschaft ist über den Streik um die 35-Stunden-Woche im Osten tief gespalten. Mit Sorge mussten IG-Metall-Chef Klaus Zwickel, Peters und Düvel zur Kenntnis nehmen, dass der Riss quer durch die Reihen ihrer wichtigsten Arbeitskämpfer, der Automobil-Betriebsratschefs geht. Zwar gelang es dem Trio nach drei Stunden, die anwesenden Arbeitnehmervertreter doch noch zu einer einstimmigen Solidaritätsadresse für den Streik zu mobilisieren. Doch spitzfindig betont ein Teilnehmer des Treffens, dass darin keine "Maßnahmen" der Gewerkschaft in Westdeutschland aufgeführt sind, wie sie Peters für den Fall angekündigt hatte, dass die Arbeitgeber weiterhin hart bleiben.

Die Streikfront bröckelt. Viele Betriebsräte fürchten, dass der Streik langfristig der IG Metall mehr schadet als nutzt. "Ich verstehe nicht, warum im Osten ausgerechnet die Betriebe lahm gelegt werden, die dort die größten Investitionen planen", sagt Thomas Frels, IG-Metall-Vertrauensmann bei Ford in Köln. Der am stärksten betroffene Automobilbauer BMW hat bereits mit der Verlagerung der Produktion - und damit von Arbeitsplätzen - nach Osteuropa gedroht. Ein hochrangiger Funktionär aus der Frankfurter Gewerkschaftszentrale fürchtet gar politische Konsequenzen. 1984 habe die IG Metall im Kampf um die 35-Stunden-Woche im Westen mit ihren Mini-Max-Streiks den Arbeitgebern eine bittere Niederlage beigebracht. Damals hatten sie mit gezielten Arbeitskämpfen bei Zulieferern eine große Fernwirkung erzielt. Doch langfristig habe sie das mit einer schmerzhaften Verschlechterung des Streikrechts durch den damaligen Arbeitsminister Norbert Blüm (CDU) bezahlt. Ebenso könnte nun der Kanzler die aktuellen Streiks in Ostdeutschland als Anlass für eine weitere Beschränkung der tarifpolitischen Macht der Gewerkschaften nutzen, warnt der Funktionär.

Der Streik müsse so schnell wie möglich beendet werden, fordern viele Betriebsräte von Peters und Düvel auf der Konferenz. Für Zwickel ist das eine späte Genugtuung. Eindringlich hatte er voriges Jahr vor einem Arbeitskampf um kürzere Arbeitszeiten im Osten gewarnt, doch sein Widersacher Peters setzte sich durch. "Wir müssen jetzt auch zu schwierigen Kompromissen bereit sein", sagt Zwickel in seinem Schlusswort auf der Konferenz und öffnet damit die Tür für neue Verhandlungen.

Doch auch dieser Kurswechsel ist umstritten. Die IG Metall müsse hart bleiben, fordert Hans Kirchgässner, Betriebsratschef beim Getriebehersteller ZF, eines der am härtesten bestreikten Unternehmen in Ostdeutschland. "Wenn wir unsere Mitglieder in einen Tarifkonflikt schicken und sie haben am Ende das Gefühl, mit einem mageren Ergebnis abgespeist zu werden, dann drohen der IG Metall Austritte", warnt Kirchgässner. Noch können die Streikenden mit Unterstützung aus dem Westen rechnen. Doch der Betriebsratsvorsitzende eines großen westdeutschen Automobilwerks bekennt: "Ich tue mich da sehr schwer." Zwar hat auch er schon Solidaritätsbesuche von Kollegen bei den Streikenden im Osten organisiert. Aber nur, "weil sich die IG Metall ein Scheitern jetzt nicht erlauben kann". Am Sinn dieser erzwungenen Solidarität gibt es in der Gewerkschaft aber große Zweifel. "Das Ergebnis wird doch sein, dass wir in einen Tarifvertrag zwar die 35-Stunden-Woche reinschreiben, zugleich aber wegen einer Vielzahl von Härtefallklauseln weiterhin 38 Stunden arbeiten", kritisiert ein Betriebsrat. Sein Fazit: "Kollege Peters ist über das Ziel hinausgeschossen."

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