In der IT-Industrie hat die Bilanzsaison für das Krisenjahr 2001 begonnen: Analyse: High-Tech-Aufschwung bleibt ungewiss

In der IT-Industrie hat die Bilanzsaison für das Krisenjahr 2001 begonnen
Analyse: High-Tech-Aufschwung bleibt ungewiss

Analysten und Marktforscher stöhnen im Chor: Das Jahr 2002 sei ein Albtraum für alle, die Prognosen stellen müssen. Besonders schwer tun sich die Auguren, wenn es um die Unternehmen der Computer- und Informationstechnologie-Branche geht.

DÜSSELDORF. Kein Wunder, denn in keinem anderen Wirtschaftszweig haben die Experten im vergangenen Jahr so kräftig danebengelangt. Statt größeren Wachstums schlitterte die Branche im Kielwasser der beginnenden Rezession laut ihrer eigenen Rhetorik in die "schlimmste Krise" ihrer zugegeben bisher recht jungen Geschichte.

Wie es tatsächlich in den Büchern der Unternehmen aussieht, können Anleger und Mitarbeiter jetzt selbst nachlesen. Denn seit Tagen legen die Schwergewichte der Branche in enger Taktung die Zahlen für das traditionell umsatzstarke Endquartal des Vorjahres und die ersten Jahresergebnisse für 2001 vor.

So hat der weltweit größte Computerkonzern IBM im vergangenen Jahr 7,7 Mrd. Dollar Gewinn nach Steuern erwirtschaftet, Software-Primus Microsoft bringt es innerhalb der drei Monate von Oktober bis Ende Dezember - trotz Prozesskosten in dreistelliger Millionhöhe - auf einen Nachsteuergewinn von rund 2,3 Mrd. Dollar. Intel, der rund um den Globus vier von fünf PC-Prozessoren herstellt, hat trotz dramatischen Gewinneinbruchs um rund 80 Prozent nach Steuern 2,2 Mrd. Dollar verdient. Und für SAP, den größten Hersteller von Unternehmenssoftware, erwarten Analysten für diese Woche die Bekanntgabe eines Gewinnanstiegs im zweistelligen Prozentbereich.

Unbestritten ist, dass die Unternehmen durch die Bank im Vergleich zum Jahr 2000 rückläufige Gewinne erwirtschaftet haben. Unbestritten ist auch, dass in vielen Segmenten der IT-Industrie die erstmals rückläufige Nachfrage nach ihren Produkten schwer zu schaffen macht, etwa den Ausrüstern der Telekommunikationsindustrie oder Herstellern von PC und Netzwerkrechnern. Doch in traditionellen Industriebranchen oder gar dem Baugewerbe versteht man unter Krise etwas anderes, denn unter dem Strich wird die Branche im vergangenen Jahr rund vier Prozent gewachsen sein. Für Europa wird 2002 mit einem Wachstum von rund sechs Prozent gerechnet.

Doch vor zu großen Erwartungen sei gewarnt. Eine schnelle Rückkehr zu zweistelligen Zuwächsen deutet sich in den Zahlen des vierten Quartals nicht an. Auch wenn die noch im Sommer Verluste schreibenden Computerbauer Apple und Compaq den Sprung in die schwarzen Zahlen geschafft haben. Ob sie dort 2002 wirklich dauerhaft bleiben werden, ist eine Frage, die derzeit niemand ernsthaft beantworten kann. Auch die langsam steigenden Preise für Speicherchips sind stärker der Ausdruck sinkender Lagerbestände als eines nachhaltigen Abbaus bestehender Überkapazitäten.

So paradox das klingen mag, die Lage der IT-Industrie ähnelt der Situation in der ostdeutschen Bauindustrie. Als dort nach der Wiedervereinigung ein Investitionsschub nach bester Keynesianischer Lehrtheorie zu einem ballonartigen Anschwellen der Investitionen geführt hatte, profitierte davon am stärksten die Bauwirtschaft. Doch seit mittlerweile viele Häuser repariert, Straßen erneuert und die öffentlichen Kassen leer sind, fehlen die Aufträge, und viele kleine Baubetriebe kämpfen um das Überleben.

In der IT-Branche sorgte die rasante Ausbreitung des Internets für einen durch die Börse finanzierten Nachfrageboom der Startup-Firmen, den etablierte Unternehmen durch panikartige Investitionen in E-Commerce- Projekte zusätzlich angeheizt haben. Zur mittlerweile einsetzenden Marktbefriedigung kamen im vergangenen Jahr die einbrechende Konjunktur und ein Ausgabenstopp der Unternehmen.

Doch im Unterschied zur Baubranche besteht die Hoffnung, dass die IT-Industrie zur Selbstheilung fähig und kräftig genug ist. So durchlaufen viele Technologieunternehmen im Zeitraffer den Strukturwandel in Richtung Profitabilität. Kosten werden radikal gekappt. Beschäftigten von Technologiekonzernen wurde zu Zehntausenden der Stuhl vor die Tür gestellt. Und im Silicon Valley, der größten Bastelstube der IT-Industrie, stehen viele Protagonisten der IT-Revolution erst einmal auf der Straße, weil Hunderte Unternehmen Bankrott gegangen sind. Doch so schlimm die Situation für die Betroffenen sein mag, die im Kern gesunden Unternehmen legen jetzt den Grundstein für künftige - vielleicht nachhaltigere - Gewinne und damit für neue Produkte und neue Arbeitsplätze.

Die Aufträge werden über kurz oder lang zurückkehren, schon allein weil die heute eingesetzte IT-Infrastruktur in Wirtschaft und Verwaltung mit jedem Tag veraltet . Die Floskel der "erwarteten Erholung im zweiten Halbjahr" schadet allerdings mehr, als sie nützt. Denn wer jetzt Erwartungen weckt, die zur Jahresmitte möglicherweise wieder enttäuscht werden, hat aus der Vergangenheit nichts gelernt. Die Aktienkurse vieler IT-Unternehmen haben bereits wieder Höhen erreicht, in die der ungewisse Aufschwung schon eingepreist ist.

Es gibt Hoffnung, dass die IT-Branche zur Selbstheilung fähig ist.

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