In der nördlichsten Baltenrepublik gibt es 150 deutsch-estnische Joint-Ventures
Estnisch legt den Grundstein für Erfolg

In Estland macht Michael Stahlhut aus Minden Karriere - als Müller. Der Westfale hat Mitte der 90er Jahre in Tartu (Dorpat) ein Industriegrundstück gekauft und dort seine eigene Mühle gebaut. Heute beschäftigt die Stahlhut AG bis zu 30 Mitarbeiter und deckt rund 60 Prozent des Mehlbedarfs in Estland.

TALLINN. "Solche Beispiele sind allerdings eher selten", sagt Ralph-Georg Tischer, der Delegierte der Deutschen Wirtschaft in Estland. Dennoch gibt es nach seinen Worten einige Deutsche, die ihre Existenz in Deutschland aufgegeben und eine neue in Estland aufgebaut haben.

In Estland gibt es etwa 150 deutsch-estnische Joint-ventures. In weniger als einem Drittel dieser Firmen arbeiten Deutsche. Immer weniger deutsche Unternehmen entsenden noch Mitarbeiter in ihre estnischen Niederlassungen oder Tochterunternehmen. Etwa 15 entsandte deutsche Führungskräfte sind in Estland tätig, schätzt Ralph-Georg Tischer. Der allgemeine Trend geht zur Regionalkonzeption. Das heißt, ausländische Unternehmen besetzen auch leitende Positionen mit einheimischen Führungskräften. Daher kommt es allenfalls zu temporären Entsendungen für den Aufbau von Produktionsanlagen.

Estland hat zwar nur 1,5 Millionen Einwohner, von denen etwa 26 % Russen sind. Aber wer dort im Wirtschaftsleben dauerhaft Erfolg haben will, sollte die estnische Sprache beherrschen. "14 Fälle, viele ä, ö und i - Estnisch muss man wirklich pauken", sagt Kay Bischoff. Der General Manager (47) aus dem Ruhrgebiet leitet in der estnischen Hauptstadt Tallinn das jüngst eröffnete Fünf-Sterne-Hotel The Three Sisters. Um eine Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen, musste Bischoff nachweisen, dass kein Einheimischer so gut qualifiziert für diesen Job war wie er.

Tatsächlich ist auf dem estnischen Arbeitsmarkt nur Kernkompetenz gefragt. Um- und Quereinsteiger haben kaum Chancen. "Ein deutscher Bauexperte, der sich in Estland als Holzeinkäufer versucht - das klappt nicht", meint Ralph-Georg Tischer. Denn drei Universitäten und 40 Privathochschulen bilden in Estland qualifizierte Arbeitskräfte aus, das Bildungsniveau ist hoch. Die praktische Ausbildung findet in den Betrieben statt. Allerdings gibt es kein duales System der Berufsausbildung.

Ausländische Spezialisten wie Ingenieure, Verwaltungsexperten und Wissenschaftler werden unter einer gewissen Bedingung mit offenen Armen empfangen: Sie müssen bereit sein, für estnische Gehälter zu arbeiten. So sucht zum Beispiel die Universität Tartu einen Professor für Germanistik. Die Position ist allerdings nur mit einem Bruttogehalt von etwa 1 000 Euro dotiert.

Da Estlands Bevölkerungsentwicklung der deutschen ähnelt, ist mittelfristig mit einem Mangel an Arbeitskräften zu rechnen. "Schon heute arbeiten nur noch wenige Esten in Fabriken. Als Arbeiter sind dort vor allem Angehörige der russischsprachigen Minderheit beschäftigt", sagt Tischer. Wie andere Experten erwartet auch er, dass nach Estlands EU-Beitritt das Engagement deutscher Unternehmen in dem baltischen Land zunimmt.

Die bürokratischen Barrieren sind niedrig. Eine Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis erhalten Deutsche verhältnismäßig leicht, weil die Esten ausländisches Kapital und Know-how akquirieren wollen. Das estnische Wirtschaftsrecht ist bereits entsprechend der EU-Vorschriften geregelt. Hingegen erweist sich das Justizsystem als überlastet; es arbeitet noch nicht zuverlässig. So sind zum Beispiel die Gerichtsvollzieher privatisiert - die Ergebnisse sind mäßig.

Der Durchschnittslohn liegt in Estland offiziell bei rund 400 Euro, doch für leitende Funktionen werden Gehälter auf westeuropäischen Niveau gezahlt.

Hart für Deutsche ist vor allem das nordische Klima. Der Herbst kann dort bereits Ende August beginnen. Kalt und finster sind die Wintertage, im Dezember und Januar ist es selbst mittags höchstens dämmrig. Sechs bis sieben Monate erfreut kein Grün das Auge. Kleiner Trost: Neben der Fährverbindung zwischen Tallinn und Rostock bestehen nun auch Linienflüge von Tallinn nach Frankfurt, Berlin und Hamburg.

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