In der Rüstungsindustrie wächst die Sorge vor der amerikanischen Übermacht: US-Firmen gehen in Europa in die Offensive

In der Rüstungsindustrie wächst die Sorge vor der amerikanischen Übermacht
US-Firmen gehen in Europa in die Offensive

Die US-Rüstungsunternehmen haben auf dem europäischen Markt Oberwasser - vor allem in der Luftfahrt. Mit prallen US-Auftragsbüchern in der Tasche können Konzerne wie Boeing, Lockheed Martin oder Northrop Grumman ihre Produkte in Europa zu Kampfpreisen anbieten - europäische Unternehmen geraten so zu Hause immer mehr in die Defensive.

DÜSSELDORF/BERLIN. "Auf den offenen Märkten wie in Deutschland, den Niederlanden, Portugal oder Skandinavien müssen die US-Firmen nicht gleich Unternehmen kaufen, um ihre Produkte an den Mann zu bringen", sagt Nick Fothergill, Rüstungsanalyst bei Banc of America Securities, "sie können zurzeit einfach attraktivere Preise machen als die europäische Konkurrenz." Auch Boeing wittert die Chancen auf dem Rüstungsmarkt: Am Dienstag eröffnet der Konzern in Berlin erstmals eine volle Repräsentanz. Boeing erhofft sich Wachstum im militärischen Bereich als Kompensation für die Verluste im zivilen Bereich.

Die US-Firmen können in den nächsten Jahren aus dem Vollen schöpfen: Nach einer Analyse von Fitch Ratings werden die USA in den Haushaltsjahren von 2003-2009 alleine in die Modernisierung der Waffensysteme voraussichtlich 1,1 Billionen $ stecken. Für bestimmte Prestige-Projekte wie den Joint Strike Fighter (JSF), der von Lockheed Martin, United Technologies und Northrop Grumman gebaut wird, hat die Regierung im nächsten Haushalt zudem kräftig finanziell aufgesattelt: Das Budget steigt um 28 % auf 4,4 Mrd. $ im Jahr.

Die Offensive der US-Firmen in Europa, wo sie heute schon einen Importanteil von 26 % haben, wird von verschiedenen Motoren getrieben: Rüstung ist ein langfristiges Geschäft und Rating-Agenturen wie Finch rechnen bereits mit einem Ende des Ausgabensegens auf Grund des langfristig steigenden Haushaltsdefizits und der Risiken militärischer Konflikte. Die Konzerne müssen sich daher auf anderen Märkten absichern.

Vor allem in Osteuropa, wo die Unternehmen von den neuen Nato-Partnern erhebliche Investitionen in die Modernisierung der Armeen erwarten, beobachten europäische Industrievertreter mit Sorge die Offensive der US-Konkurrenten.

"Die US-Konzerne fürchten sich außerdem vor einer Festung Europa in der Wehrtechnik", meint Joachim Rohde, Rüstungsspezialist bei der Stiftung Wissenschaft und Politik. Hintergrund sind Bemühungen vor allem Deutschlands und Frankreichs, einen einheitlichen europäischen Rüstungsmarkt zu schaffen.

Erste Erfolge der US-Discount-Angebote sind sichtbar: Portugal will nun doch keine drei A400M-Militärtransporter, sondern sechs amerikanische C 130-Transporter von Lockheed Martin kaufen. Aus dem Vertrag zum A400M war Lissabon zunächst aus finanziellen Gründen ausgestiegen. Auch Polen will nicht den Eurofighter kaufen und unterschrieb statt dessen einen Milliardenvertrag für die amerikanische F16. Dabei nutzen die Unternehmen unterschiedliche Strategien. In Portugal etwa lockte Lockheed Martin mit Preisabschlägen und Kompensationsgeschäften. In Polen dagegen bot die US-Regierung zum F16-Kauf einen Milliardenkredit an - gesalzen mit politischem Druck. Die niedrigen Preise lohnen sich vor allem in der Luftfahrt: "Das große Geschäft macht man nicht mit den Flugzeugen, sondern mit den Ersatzteilen und der Unterhaltung", weiß ein Rüstungsanalyst.

Dass Europäer nicht zum Zuge kamen, lag aber nach Ansicht von deutschen Luftfahrtmanagern auch an der Industrie selbst: "Wir haben schlecht agiert - vergessen wir?s und konzentrieren uns auf die nächsten Ausschreibungen." Dass die Rechnung der US-Unternehmen nicht immer aufgeht, zeigt das Beispiel Norwegen: Dort wächst der Unmut über die Teilnahme am JSF-Programm, weil Lockheed Martin den heimischen Partner Kongsberg Defense & Aerospace nicht wie vereinbart an der Entwicklung beteiligt. Die Regierung droht daher inzwischen mit einem Wechsel zum Eurofighter.

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