In der Sommerpause
Amerika sucht den Super-Vize

Barack Obama und John McCain sind auf der Suche nach geeigneten Kandidaten für das Amt des Vize-Präsidenten. Doch während im Obama-Lager wild sondiert und spekuliert wird, ist es bei McCain auffällig ruhig um das Thema geworden.

WASHINGTON. Wer ein bisschen dabei mit spekulieren will, wen Barack Obama zu seinem Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten küren wird, der muss in Washington nur das Haus einer renommierten Anwaltskanzlei beobachten. Wer dort, an der Pennsylvania Avenue und nicht all zu weit vom Weißen Haus entfernt, hineingeht, wie lange er jeweils bleibt und mit welchem Minenspiel die Betreffenden wieder herauskommen - das genügt in der amerikanischen Sommerpause um das VP-Karussell eine Runde weiter zu drehen.

Zuletzt wurde dort die Causa des Gouverneurs von Virginia, Tim Kaine, lange und gründlich verhandelt. Seitdem wollen die Gerüchte über dessen bevorstehende Auswahl als "Running Mate" nicht mehr enden. Also wird in den Nachrichtensendungen ausführlich darüber nachgedacht, warum der weithin unbekannte Kaine der Richtige sein könnte oder welches belastende Gepäck ihm und damit Obama am Ende vielleicht doch zu sehr schaden könnte. Die Spekulationen treffen zwar nicht immer zu. Aber sie amüsieren und unterhalten ein Publikum, das nach den langen Vorwahlen weiterhin süchtig nach Geschichten über Obama oder dessen Widersacher John McCain ist. Zudem hat das Thema den Vorteil, dass man darin auch Hillary Clinton vorkommen lassen kann - auch wenn sie offenbar nicht mehr wirklich im Rennen um den VP-Spot ist. Dennoch können die Reporter mit ihrem Namen spielen und ihre facettenreiche Fehde mit Obama aus den Primaries wieder aus der Schublade holen.

Richtig ist indes, dass Obamas Kandidatenermittler ziemlich tief schürfen müssen, um zu wissen, ob ein Bewerber wirklich "sauber" ist. Im Falle von Kaine etwa wird seine Rolle als junger Rechtsanwalt in Verfahren untersucht, bei denen die Todesstrafe verhängt wurde. Zudem sind während seinen zweieinhalb Amtsjahren als Gouverneur in Virginia acht Menschen exekutiert worden - und das obwohl Kaine immer wieder seine Ablehnung der Todesstrafe deutlich gemacht hat. Allerdings passt das in gewisser Weise auch zu Obama, der bei diesem heißen Wahlkampfthema ebenfalls eine ambivalente Haltung einnimmt.

Geforscht wird deshalb, ob es für die republikanische "attack machine" - so etikettieren die Demokraten gerne den konservativen Wahlkampfapparat - bei einem Kandidaten Futter geben könnte. Wird zu viel Angriffsfläche gefunden, dann disqualifiziert dies blitzschnell einen potenziellen Bewerber, mag er auch noch so gut zu Obama passen. Wie unangenehm es ist, sich in ständigen Abwehrschlachten rechtfertigen zu müssen hatte Obama vor wenigen Monaten am eigenen Leib erfahren, als er für seine Nähe zu dem irrlichternden Priester Jeremiah Wright wochenlang gescholten wurde und sich schließlich öffentlich von ihm lossagen musste.

Während neben Kaine bei Obama derzeit vor allem noch Evan Bayh, Ex- Gouverneur und heute Senator aus Indiana, die Gouverneurin von Kansas, Kathleen Sebelius, und der Senatsveteran Joe Biden aus Delaware als VP-Aspiranten genannt werden, ist es bei John McCain auffällig ruhig um das Thema geworden. Zwar hatte der bald 72-Jährige schon sehr früh damit begonnen, sich mögliche Kandidaten genauer anzuschauen. Doch irgendwie ist aus der McCain-Kampagne in diesen heißen Washingtoner Sommerwochen die Luft entwichen. So kursieren im Umfeld von McCain auch weiterhin die Namen der "üblichen Verdächtigen", die vom Vorwahl-Rivalen Mitt Romney bis hin zum Ex-Demokrat und Senatskollegen Joe Lieberman reichen.

Gemeinsam scheint beiden Kandidaten die Überlegung zu sein, dass sie in diesen letzten ruhigen Wochen vor den Parteitagen Ende August und Anfang September den Medieneffekt der VP-Bekanntgabe nicht sinnlos verpuffen lassen wollen. Also dürfte noch etwas weiter spekuliert werden bis das politische Washington wieder im Sattel sitzt - in ungefähr zwei Wochen.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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