In der Wirtschaft winken Absolventen höhere Gehälter
Informatik: Den Hochschulen geht der Nachwuchs aus

ddp BONN / WIESBADEN. Mit einem Lob der Bundesanstalt für Arbeit ist das Green-Card-Programm der rot-grünen Bundesregierung dieser Tage bedacht worden. Doch ob der zweite Teil des Programms - die Verbesserung der Informatiker-Ausbildung an deutschen Hochschulen - genau so erfolgreich sein wird, erscheint im Moment fraglich. Denn die Hochschulen, die nach der Überbrückung mittels Green Card die künftigen IT-Fachleute ausbilden sollen, beklagen einen dramatischen Mangel an wissenschaftlichem Nachwuchs. Alarm geschlagen hat die Gesellschaft für Informatik (GI): Bei einer kürzlich veröffentlichten ad-hoc-Umfrage der GI beklagten nahezu alle (89 %) der befragten 200 Hochschullehrer im Bundesgebiet teils enorme Schwierigkeiten, Stellen an den Hochschulen zu besetzen. Die GI befürchtet eine dramatische Verschlechterung der Position der deutschen Wirtschaft im internationalen Wettbewerb, wenn sich nicht umgehend etwas ändert. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) bestätigt die Einschätzungen der GI.

Verantwortlich für den Missstand ist laut der in Bonn ansässigen GI unter anderem die im Vergleich zur Wirtschaft niedrigeren Einstiegsgehälter im Öffentlichen Dienst. "Aber ebenso wichtig sind die Arbeitsbedingungen an den Hochschulen", sagt GI-Präsident Heinrich C. Mayr. Eine zügige Promotion sei jedoch schwierig, weil die Anforderungen an den wissenschaftlichen Nachwuchs in der Lehre durch hohe Studienanfängerzahlen wüchsen. Der Teufelskreis ist nach Mayrs Ansicht perfekt, wenn Nachwuchsstellen nicht mehr besetzt werden könnten und sich das wachsende Arbeitsvolumen auf die verbliebenen Mitarbeiter verteile. "Damit verlieren die Stellen an den Hochschulen weiter an Attraktivität", zeigt sich Mayr überzeugt.

"Wir haben eine ganze Reihe von Stellen frei, die wir nicht besetzen können", bestätigt Informatik-Professor Wolfgang Kunz von der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Der Dekan des Fachbereiches Informatik an der größten hessischen Uni macht dafür vor allem die Arbeitssituation an den Hochschulen verantwortlich. "Es wird immer mehr Arbeit in die Infrastruktur, also in Verwaltungsaufgaben, gesteckt", kritisiert er. Vom wissenschaftlichen Umfeld dagegen sei sehr wenig die Rede, und das sollte seiner Meinung nach "der Hauptpunkt" sein. Bessere Arbeitsbedingungen böten die US-amerikanischen Unis, die ihren Akzent mehr auf die Forschung legten. "Wir haben Klötze am Bein, während die amerikanischen Unis international brillieren", beklagt Kunz. Wenn es gelänge, die deutschen Unis im internationalen Vergleich attraktiver zu machen, würden die Hochschulen hierzulande auch mehr Nachwuchs bekommen.

Kunz' Beobachtungen decken sich mit Erkenntnissen der DFG: Hochqualifizierte Kräfte wanderten in die USA ab, wo sie bessere Arbeitsbedingungen fänden. Deshalb setzt die DFG mit Exzellenzprogrammen auf frühere wissenschaftliche Selbstständigkeit des Nachwuchses. Doch selbst solche Programme, so DFG-Sprecher Andreas Archut, "können eine grundsätzliche Reform des Qualifizierungssystems für den wissenschaftlichen Nachwuchs nicht ersetzen." Seit einem knappen Jahr bietet die Organisation Überbrückungshilfen in den Natur- und Ingenieurwissenschaften, um Personalengpässe zu lindern. Außerdem bereitet sie zur Zeit ein Sonderprogramm zur Förderung von Nachwuchsgruppen speziell in der Informatik vor, das Wissenschaftler nach einem Postdoc-Aufenthalt wieder nach Deutschland locken soll.

Dramatisch präsentiert sich die Lage auch an den Fachhochschulen. Die FH Dortmund etwa muss drei von vier Bewerbern für das Fach Informatik abweisen, weil die Zahl der Studienplätze auch wegen Personalengpässen beschränkt ist. Sprecher Jürgen Andrae schildert: Obwohl intern Stellen aus anderen Fachbereichen zugunsten der Informatik umgeschichtet worden seien, gebe es noch immer nicht genug Planstellen in der Informatik. Dazu kämen Probleme, die Stellen zu besetzen. Die Dortmunder FH kann nach eigenen Angaben in den vier Studiengängen Technische, Allgemeine, Medizinische sowie Wirtschaftsinformatik 255 Plätze anbieten; beworben haben sich für das in wenigen Wochen beginnende Semester aber mehr als 1080 Interessierte. Allein im Fach Wirtschaftsinformatik stieg die Zahl der Bewerber von 255 im Vorjahr auf 388 in diesem Jahr. Aber die FH kann nur 78 Wirtschaftsinformatik-Studierende zulassen.

Auf die Situation besonders an den FH's will das Land Hessen jetzt reagieren. Nach Angaben aus dem Wiesbadener Wissenschaftsministerium nehmen ein Viertel aller Studienanfänger im Fach Informatik ihr Studium an einer hessischen Fachhochschule auf. Mit einem eigenen 25-Mill.-Mark-Programm will das Land Quantität und Qualität der Informatik-Ausbildung insbesondere an den Fachhochschulen trotz hoher Aufnahmezahlen aufrecht erhalten. Zudem soll ein Teil des Programms der Bundesregierung für Informatik-Studiengänge über insgesamt 100 Mill. Mark in den nächsten fünf Jahren nach Hessen fließen. Im Ministerium von Wissenschaftsministerin Ruth Wagner (FDP) rechnet man mit 739 000 Mark jährlich in den kommenden fünf Jahren. Eine Idee, die Abhilfe schaffen soll, heißt Personensponsoring: Dozenten aus der Industrie sollen möglichst ohne Honorar an den FH's lehren.

Auch Nordrhein-Westfalen engagiert sich nach Angaben der Westfälischen Wilhelms Münster-Universität und Bildungsministerin Gabriele Behler (SPD) seit Jahren verstärkt für die Ausbildung von Informatikern: Jeder vierte in Deutschland ausgebildete Informatik-Studierende hat den Angaben zufolge sein Studium an einer Hochschule in NRW abgeschlossen. Zwei neue Informatik-Studiengänge sollen an der Uni Münster entstehen: einer bereits zum Wintersemester 2000/2001, der andere ein Jahr später. Bei den anstehenden Professoren-Berufungen rechnet Institutsdirektor Guido Wirtz nicht mit großen Problemen. Doch bei der Besetzung der Mitarbeiterstellen kalkuliert er Probleme schon fest ein.

Die Universität Potsdam nimmt im Oktober erstmals Informatik-Studierende auf, die einen Bachelor- und Master-Abschluss machen wollen. Ein Teil der Hochschullehrer für den neuen Studiengang kommt nach Auskunft von Norbert Stief vom Dezernat für Studienangelegenheiten der Uni per Synergie-Effekte aus dem bereits bestehenden Studiengang "Software-Systemtechnik". Stief sagt, auch für die brandenburgische Uni sei es seit ihrer Gründung vor neun Jahren schwierig gewesen, Professoren zu finden, "da der Markt abgegrast ist". Mittlerweile seien aber acht von neun Professorenstellen im Fachbereich Informatik besetzt, für die letzte laufe das Berufungsverfahren.

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