In deutschen Landen
Linux am Drücker

Deutschland übernimmt beim Geschäft mit dem herstellerunabhängigen Betriebssystem Linux international eine Führungsrolle.

DÜSSELDORF. Historischer Handshake in Berlin: Fast liebevoll drückt Bundesinnenminister Otto Schily IBM-Deutschlandchef Erwin Staudt die Hand. Soeben haben Minister und Manager einen Pakt geschlossen, der den US-Softwaregiganten Microsoft empfindlich treffen könnte. Die europaweit bisher einmalige Vereinbarung sieht vor, dass neue Computer in allen Behörden Deutschlands auch mit dem Betriebssystem Linux ausgestattet werden können.

Der Vertrag könnte dem Hoffnungsträger Linux endlich zum Durchbruch verhelfen. Während Insider der Windows-Alternative schon seit Jahr und Tag gute Noten für Stabilität und Sicherheit ausstellen, tun sich sowohl Beamte als auch Bosse bis heute schwer mit dem Umstieg auf die Software mit dem Pinguin-Logo. Dabei ist Linux sogar kostenlos. Weltweit arbeitet eine Heerschar von idealistischen Programmierfreaks stetig an der Verbesserung der Software - und hat statt Gewinnmaximierung allein die Eindämmung von Microsofts Windows-Imperium im Sinn.

Geschäft mit dem Betriebssystem machen bisher vorrangig Spezialanbieter wie Red Hat, Suse oder Caldera, die die Softwarepakete schnüren und Geld für Installation und Schulung verlangen. Doch diese Namen dürften weder einem mittelständischen Unternehmer noch einem Konzernchef geläufig sein. Wenn überhaupt, dann nur im Zusammenhang mit abgestürzten Börsenkursen wie im Fall von Red Hat oder abgeblasenen IPOs wie im Fall von Suse (siehe auch unser Interview).

Mit dem Berliner Bekenntnis macht sich nun mit aller Macht seines weltläufigen Markennamens der Softwarekonzern IBM für Linux stark. Zwar offeriert der IT-Gigant bereits Rechner mit dem alternativen Betriebssystem. Zumindest hier zu Lande ist das aber nach wie vor nur Eingeweihten bewusst. Das Engagement von IBM könnte nun das Vertrauen schaffen, das der Linux-Gemeinde beim Erschließen breiterer Kundenkreise bislang gefehlt hat.

Interessant ist auch der Zeitpunkt für den Vorstoß von Schily und Staudt. Die schon länger andauernde konjunkturelle Flaute lässt immer mehr Unternehmer und behördliche Beschaffer angestrengt nach Sparpotenzialen forschen. Investieren ja - aber zu minimalen Kosten, lautet die Devise. Hier trifft Linux genau auf den Punkt: "Wir rüsten seit Jahresbeginn unsere bisher rund 100 mit Microsofts Windows NT arbeitenden Server auf Linux um. Das spart uns rund 75 Prozent der Softwarekosten", sagt Charles Homs, Softwareanalyst beim Marktforschungshaus Forrester Research. Damit gilt das lizenzkostenfrei vertriebene Betriebssystem als idealer Beitrag zur Kostensenkung. "Die Rechnungshöfe forden immer öfter Rechtfertigungen, wenn wir nicht Linux beschaffen wollen", berichtet ein behördlicher Einkäufer.

Neuen Schwung soll auch ein zweiter großer Linux-Deal bringen, den der Nürnberger Spezialsoftware-Anbieter Suse eingefädelt hat. Ende vergangener Woche vereinbarte die Nummer zwei unter den Linux-Vertreibern mit drei weiteren großen Anbietern einen gemeinsamen Linux-Standard zu entwickeln. Unter der Obhut von IBM rauft sich der in immerhin 147 unterschiedliche Linux-Varianten zersplitterte Markt jetzt endlich zusammen.

Nicht nur aus diesem Grund ist noch nicht entschieden ob sich der Pinguin endlich auf in allen Amtsstuben und Büros breit machen wird. In welchem Umfang Betriebe, Bund, Länder und Gemeinden in Zukunft neue Rechner ordern werden - und wie viele davon tatsächlich unter Linux arbeiten, darüber gibt es nicht einmal verlässliche Schätzungen. "Dennoch", so der Forrester-Analyst Homs, "setzen die neuen Allianzen Microsoft exterm unter Druck. Jetzt ist Linux am Drücker."

Quelle: Wirtschaftswoche

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