In Deutschland stockt die Expansion der aggressiven Iren
Für Ryanair wird die Luft bald dünner

Wer hoch fliegt, kann tief fallen. Für die irische Billigfluggesellschaft könnte diese Weisheit zur bitteren Wahrheit werden.

FRANKFURT/M. Zwar wird sie am Montag wieder starke Geschäftszahlen vorlegen. In Deutschland indes stockt die Expansion. Die Konkurrenz wächst.

Die weltweite Luftfahrtkrise kann den Billigfluggesellschaften weiterhin nichts anhaben. Ryanair-Chef Michael O?Leary wird am Montag deshalb wieder erfolgreiche Zahlen bejubeln können - zurecht: Denn noch immer wächst das Passagieraufkommen stark, für Mai vermeldete die Gesellschaft mit 1,2 Millionen Passagieren im Vergleich zum Vorjahresmonat einen Zuwachs von rund 45 %. Auf weitere Überraschungen ist die Branche deshalb gefasst. Das stramme Wachstum allerdings ist fortan Pflicht, denn im Januar gab die Fluglinie einen Kaufvertrag über 150 neue Boeing-Jets bekannt. Auftragswert: 9 Mrd. $ - einer der größten Deals der Luftfahrtgeschichte. Doch trotz all dieser Paukenschläge mehren sich die kritischen Stimmen in London und Dublin.

"Es gibt natürlich ein Risiko so schnell zu expandieren", sagte Dominic Edrigde, Analyst der Commerzbank in London; "geht irgend etwas schief, dann wird Ryanair davon stark betroffen sein." Soll heißen: Wer hoch fliegt, kann tief fallen. Auch die Analysten von Lehman Brothers äußern sich mit Blick auf das Jahresergebnis zumindest verhalten. Zwar werde Ryanair hinsichtlich der Gewinnaussichten in den nächsten Jahren den Konkurrenten Easyjet weiter übertreffen. Doch langfristig gerate der Billigflieger unter Druck, heißt es bei der Bank. Nachdem der britische Konkurrent Easyjet die Airline Go kaufte und sich eine Kaufoption auf die Deutsche BA gesichert hat, ist die aktuelle Führungsposition von Ryanair in Europa bedroht. Vor allem im innerdeutschen Markt könnte Easyjet mit einem Kauf der Deutschen BA dem Konkurrenten die geplante Expansion kräftig verderben.

In der Heimat ziehen ebenfalls die ersten Wolken auf: Auf der gewinnträchtigen Verbindung London-Dublin etwa, auf der O?Leary einst seinen Erfolg aufgebaut hat, sinken die Gewinne bereits. Die Konkurrenz indes nimmt zu: Angesichts der starken Passagier-Wachstumsraten prüfen nicht nur große Linien-Airlines, sondern inzwischen auch Reisekonzerne wie Preussag (TUI) oder die britische MyTravel (früher Airtours) den Aufbau eigener Billigfluglinien.

In Deutschland, dem zweitwichtigsten europäischen Flugmarkt, scheint die Ryanair-Offensive fürs erste gestoppt. Die Airline, die den Platzhirsch Lufthansa seit Monaten mit aggressiver Vergleichswerbung malträtiert, hat bei ihrem Auswärtsspiel gleich mehrere Gegner vor Augen. Einer sind die Flughäfen, die sich mit dem harten Ryanair-Preisdiktat hinsichtlich günstiger Airport-Gebühren äußerst schwer tun. Sie sind ein entscheidender Einsparfaktor im Konzept des Ryanair-Chefs. Bei mehreren Airports ist Ryanair bereits abgeblitzt. "Die Verhandlungen laufen sehr zäh", berichtet ein Airport-Manager aus Nordrhein-Westfalen. Allein mit dem Hunsrück-Örtchen Hahn kommt Ryanair im Lande jedoch nicht recht voran.

Aus dem Unternehmen - sonst bekannt für starke Sprüche - kommen deshalb bereits leisere Töne. Wird es 2003 die in Aussicht gestellten innerdeutschen Billigflüge geben? "Das ist zu früh zu sagen. Klar ist, dass wir 2003 unser bestehendes Streckennetz in Deutschland ausbauen werden", sagte Ryanair-Managerin Caroline Baldwin dem Handelsblatt. Neben den Hahn-Flügen in zehn europäische Städte verbinden die Iren bisher nur Friedrichshafen und Lübeck mit London-Stansted. Eine weitere Expansion ist allerdings Pflicht, schließlich stellt Boeing den Iren schon zum Ende dieses Jahres zehn neue 737-Jets auf den Hof. Branchenexperten erwarten, dass nur die wenigsten davon in Deutschland landen werden. In anderen Teilen des europäischen Festlands kommt Ryanair offenbar einfacher zum Zug. Klar ist bisher nur, dass im nächsten Frühjahr ein vierter Boeing-Jet am Flughafen Hahn stationiert werden soll, um die Frequenzen Richtung London-Stansted zu erhöhen. Außerdem untersucht Ryanair nach Handelsblatt-Informationen Flüge zu bekannten Touristenzielen wie Venedig oder Rom.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%