In Europa und den USA spuken Rezession und Deflation
Wie Gespenster Realität werden

Wovor haben Volkswirte derzeit die größte Angst? Gleich nach der Furcht vor einem spontanen Besuch der Schwiegermutter nennen sie ein anderes Schreckgespenst: die Deflation.

HB NEW YORK. "Unsere größte Befürchtung ist, dass sich die Ansätze einer Deflation bemerkbar machen," sagt Peter Oppenheimer, Chefstratege von HSBC in London: "Selbst mit niedrigen Zinsen können die Regierungen die Nachfrage nicht ankurbeln, weil der Verschuldungsgrad sehr hoch ist, und ein verschärfter Wettbewerb zwischen den Unternehmen die Preise weiter drückt." Zwar steht der Angstbegriff in den Szenarien der Volkswirte noch nicht im Mittelpunkt, aber bei den meisten spuken Deflation oder ein zweimaliges Abtauchen der globalen Wirtschaft in die Rezession ("double dip") in den Hinterköpfen.

Es ist Zeit, aufzuwachen. Die jüngsten Daten aus den USA zum Wirtschaftswachstum und den Erwartungen der Einkaufsmanager waren, gelinde gesagt, enttäuschend. Angetreten, um das Wachstum weltweit zu stützen, ist der amerikanische Verbraucher. Er kauft und kauft, auch wenn er bis zum Hals in Schulden steckt. Wie lange noch?, ist die bange Frage. Vor dem Hintergrund der Rekordverschuldung, des rapide sinkenden Aktienvermögens und steigender Arbeitslosigkeit in den USA kommt auch die Widerstandskraft der Verbraucher ins Wanken - und damit die letzte Bastion vor einem "double dip". Schon sind in jüngsten Umfragen zum Verbrauchervertrauen deutliche Erschütterungen festzustellen. "Wenn der US-Verbraucher nichts mehr ausgibt, dann fühlt das die ganze Welt," urteilt Andrew Cates, Volkswirt von UBS Warburg in London. Besonders die Binnennachfrage in Europa sei äußerst kraftlos. Und da Japan aus dem Rennen sei, fehle der Weltwirtschaft eine Wachstumslokomotive.

Was müsste aber passieren, um über eine erneute Rezession hinaus dem Schreckgespenst Deflation Gestalt zu verleihen? Gareth Evans von ING beschreibt das Szenario: "Die amerikanische Wirtschaft hebt nicht ab, die US-Börsen fallen weiter, und ausländische Investoren wenden sich ab, was wiederum den Dollar unterminiert." Das treibe Amerika und Europa in die Deflation, die Zentralbanken reagierten mit kräftigen Zinssenkungen. Aber Vorsicht: Fallende Preise können zum Selbstläufer werden. Der Verbraucher setzt auf weiter sinkende Preise und verschiebt seine Anschaffungen. Fallende Preise treiben inflationsbereinigte Zinsen in die Höhe, dadurch werden Investitionen gebremst, die Nachfrage sinkt, und die Arbeitslosigkeit steigt.

Nicht nur Japan leidet unter deflationären Bedingungen. Auch die Schweiz und einige Industriesektoren westlicher Ländern kämpfen damit. In den USA etwa sind die Erzeugerpreise in den vergangenen zwölf Monaten um 2,1 Prozent gefallen. Bleibt das Wachstum hinter den Erwartungen zurück oder droht gar eine Deflation, so raten die Anlageprofis zu Cash und Anleihen, auch wenn Aktien im Vergleich zu Bonds unterbewertet seien. Michael Karagianis von Aberdeen Asset Management in London sieht eine verstärkte Nachfrage der Investoren in defensiveren Sektoren.

In Europa würde es den deutschen Aktienmarkt am härtesten treffen. "Der Markt ist am stärksten von Nettoexporten abhängig, besonders bei Investitionsgütern, und hat die schwächste Dynamik bei der Verbrauchernachfrage", so Karagianis. Evans von ING warnt im Fall einer Deflation vor zyklischen Sektoren wie dem Einzelhandel und Industriewerten. Die Anleger sollten sich weniger auf Branchen als auf Einzelunternehmen konzentrieren, und zwar auf solche mit relativ hohen Dividendenrenditen und der Fähigkeit, diese Ausschüttungen aufrecht zu erhalten.

"Man sollte sich auf die Suche nach sicheren Dividenden machen, denn bei einer Deflation kommen die Erträge unter Druck, und die Unternehmen werden die Dividende kürzen wollen," prophezeit Evans. Er empfiehlt unter anderen Hypovereinsbank, VW und RWE.

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