In Europa wächst die Sorge vor einer Flut von Billigprodukten aus dem Reich der Mitte
Starker Euro schürt Handelsstreit zwischen China und EU

Der wieder erstarkte Euro lässt die Flut chinesischer Billigprodukte in die Eurozone sprunghaft ansteigen und schürt die Angst vor einem Handelsstreit zwischen Brüssel und Peking.

mg PEKING. Solche Befürchtungen werden in der Außenstelle der EU-Kommission in Peking hinter vorgehaltener Hand bereits geäußert. Der Grund: Chinas Regierung will nach der SARS-Krise die in Mitleidenschaft gezogene Konjunktur stimulieren und dabei vor allem die Exporte anheizen.

Chinas Renminbi ist jedoch eng an den Dollar gebunden und sinkt mit dem Kurs des Greenbacks. Und weil die US-Konjunktur flau ist, lädt China mehr und mehr Exporte in der Europäischen Union ab. Schon von Januar bis April nahmen Chinas Lieferungen in die Eurozone um 48,6 % auf 16,3 Mrd. US-Dollar zu. Chinas Exporte in die EU wuchsen um 15 Prozentpunkte schneller als die Gesamtexporte des Landes. Im vergangenen Jahr erzielte die EU mit China ein historisch großes Handelsdefizit von über 40 Mrd. Dollar.

Chinas Importe aus der EU wuchsen von Januar bis April dagegen um 6,4 % langsamer als die Einfuhren aus allen übrigen Ländern. Laut Zhang Peng, Forscher im staatlichen Informationszentrum in Peking, ließ der Höhenflug des Euros seit Jahresbeginn Chinas Ausfuhren in die Euro-Zone um 400 Mill. Dollar anschwellen, während die Importe Chinas aus dem Euro-Land um 600 Mill. Dollar abnahmen.

Der Nettoeffekt von 1 Mrd. Dollar beschleunigt Zhang zufolge das Wachstum von Chinas Bruttoinlandsprodukt um 0,4 %. Das entspricht dem Effekt, den die SARS- Krise nach Einschätzung vieler Volkswirte auf Chinas Volkswirtschaft hat. Peking erhofft sich im Windschatten des steigenden Euros für das gesamte Jahr 2,5 Mrd. Dollar höhere Ausfuhren.

Zu den größten Profiteuren dieser Entwicklung auf chinesischer Seite gehören Bekleidungsfirmen aus Hongkong, die auf dem chinesischen Festland produzieren. Sie verkaufen drei Viertel ihrer Produkte nach Europa. Analysten zufolge legen ihre Gewinne prozentual fast so stark zu wie der Euro gegenüber dem Dollar. Chinesischen Herstellern in der Eisen- und Stahlindustrie sowie in der Telekommunikation und der Elektroindustrie sagen lokale Zeitungen bereits voraus, dass sie auf Kosten der Europäer international Marktanteile gewinnen werden. Große Investoren aus Europa dürften dagegen in China meist Nachteile erleiden, weil viele von ihnen mehr aus der EU einkaufen als sie dorthin liefern. Volkswagen China zum Beispiel importiert 40 % seiner Autoteile aus Europa.

Selbst chinesische Zeitungen greifen das Thema nun auf, auch wenn sie bevorzugt Volkswirte zitieren, die den Höhenflug des Euros für vorübergehend halten. Zhang Peng erwartet eine Fortsetzung des Auftriebs für den Euro für die nächsten drei bis vier Monate. Im Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit in Berlin scheint man die Entwicklung bislang aber eher gelassen zu sehen. Im Januar und Februar wuchsen die deutschen Ausfuhren nach China auf Jahresbasis mit 31 % deutlich schneller als die Einfuhren aus China, die um 23,2 % zulegten. "Die Importe aus China finden nach einer Pause lediglich zurück zu ihrem alten Temperament", sagt der Leiter des Chinareferates im BMWA, Wolfgang von Lingelsheim. "Ich fürchte mich nicht vor irgendwelchen chinesischen Importlawinen." Vor allem auf Grund der starken Präsenz deutscher Investoren in China werden Lingelsheim zufolge in diesem Jahr die Ausfuhren Deutschlands nach China zweistellig zunehmen und damit das seit langem bestehende Handelsdefizit mit dem Reich der Mitte reduzieren. Die Sorge vor einem Handelsstreit auf EU-Seite erklärt sich der Chinaexperte des BMWA mit Befürchtungen "auf der Südschiene" der EU - in Portugal, Italien und Frankreich.

Quelle: Handelsblatt

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