In Familienunternehmen ist der Gedanke „Insolvenz“ oft tabu
Bereits in guten Zeiten an die Krise denken

Fußballvereine sind anscheinend beliebte Trainingsobjekte fürs neue Insolvenzrecht: Sowohl der TuS Celle FC als auch der SV Meppen haben schon Insolvenzplanverfahren absolviert, beide Oberligisten mit Erfolg - Fußballvereine dürfen einfach nicht sterben. Bei mittelständischen Unternehmen ist das ein wenig anders.

FRANKFURT/M. Sie müssen ständig auf der Hut sein. Denn wegen der Reaktionen der Banken auf die neuen Eigenkapitalrichtlinien aus dem Abkommen Basel II und wegen des generell veränderten Risikoverhaltens der Kreditgeber können selbst gesunde Unternehmen rasch an den Rand der Illiquidität geraten.

Doch gerade der typische deutsche Mittelstandsunternehmer neigt dazu, das Thema Krise zu verdrängen und zu tabuisieren, getreu dem Motto: "Ich habe meinen Laden immer fest im Griff gehabt." Doch gerade den kleinen und mittleren Unternehmen fehlen häufig selbst die grundlegenden Werkzeuge, drohende Schwächeperioden beizeiten zu erkennen. Oft mangelt es schon an der simplen Liquiditätsplanung, weiß Burkhard Jung von der Berliner CMS Societät für Planung und Beratung GmbH.

"Es kann rasch eng werden"

Wenn sich dann die Fälligkeiten unversehens häufen, kann es rasch sehr eng werden. "Der Verzicht, sich schon in guten Zeiten mit der eventuellen Unternehmenskrise und den Möglichkeiten des neuen Insolvenzrechts zu beschäftigen, ist sträflich", meint Jung. Das meint auch Rechtsanwalt Stephan Schmitt, Insolvenzrechtsspezialist der Unternehmensberatung Rödl & Partner, Nürnberg.

Er sieht aber gerade an dieser Stelle einen der erfreulichen Nebeneffekte der Insolvenzrechtsreform: "Die breite Diskussion hat dazu geführt, dass das langjährige Tabuthema endlich aufgebrochen und diskutiert wird. Auch viele Mittelständler wissen heute besser Bescheid über die Insolvenz als in Zeiten des alten Rechts." Eine Umfrage der Berliner Unternehmensberatung Corporate Value Associates (CVA) hingegen ergab, dass fünf von sechs Unternehmen die Neuerungen des Insolvenzrechts kaum kannten und nur 12 % sehr gut informiert waren.

Damit bleibt auch eine wesentliche Chance des neuen Rechts weitgehend ungenutzt: den Insolvenzantrag schon bei Gefahr im Verzuge, also schon bei absehbarer Zahlungsunfähigkeit zu stellen, möglichst in Verbindung mit einem schon vorbereiteten Insolvenzplan für die Sanierung und Restrukturierung des Unternehmens. Doch hier greift ein altes Problem der Selbstständigen. Denn über eines sind sich alle Praktiker einig: Der typische Mittelstandsunternehmer schiebt das Problem einer Unternehmenskrise viel zu lange hinaus, sucht viel zu spät den externen Rat.

Beratungsresistente Mittelständler

"Der traditionelle Mittelständler ist weitgehend beratungsresistent. Und er buttert lieber noch sein privates Geld und das seiner Verwandten ins Unternehmen hinein, als die drohende Insolvenz wahrzunehmen, möglicherweise schnell Schluss zu machen und das Übelste aufzufangen", bringt es der Frankfurter Insolvenzverwalter Dirk Pfeil hart auf den Punkt. "Das ist unter dem neuen Insolvenzrecht kaum anders als unter dem alten."

Stephan Schmitt von Rödl & Partner sieht das ähnlich: "Zu uns kommen die Unternehmer meist in einer Situation, in der die Banken schon Ultimaten gestellt haben. Die Insolvenzberatung sollte aber spätestens dann anfangen, wenn die Banken Sicherheiten aus dem Privatbereich fordern." Das sei ohnehin ein kritisches Feld, schon in großer Entfernung zu jeder möglichen Krise: "Über die persönliche Haftung gibt es oft kein Jota an Bewusstsein. Den Leuten ist gar nicht klar, dass die GmbH eine Mogelpackung ist und dass sie über Bürgschaften, Geschäftsführerhaftung und anderes auch mit ihrem privaten Vermögen exponiert sind."

Schmitt empfiehlt deswegen manchem Unternehmer, der bei ihm Rat in Sachen Insolvenz sucht, lieber doch noch einmal Geld einzuschießen und die außergerichtliche Sanierung anzupacken, um nicht mit der Pleite die persönliche Existenz zu gefährden: "Sanierung und Restrukturierung sind die Hauptaufgaben - vor der Insolvenz." Dieser Forderung komme entgegen, dass die Reform auch bei der wichtigsten Gläubigergruppe ein neues Bewusstsein erzeugt habe: "Viele Banken haben inzwischen Kompetenzstrukturen für Restrukturierungsfälle geschaffen. Sie haben erkannt, dass es lohnender ist, ein funktionierendes Unternehmen zu verwerten, als auf Sicherheiten abzustellen, die im Ernstfall nichts bringen."

Damit habe sich der Grundgedanke des Insolvenzplans durchgesetzt, ohne dass dieses Verfahren sonderlich oft zum Einsatz komme. Dass dieses Kernstück des neuen Insolvenzrechts in der Praxis noch so wenig Zuspruch findet, erklärt Schmitt nicht zuletzt mit dem langen Zögern der Mittelständler: "Der Insolvenzplan braucht in der Regel mehr Zeit, als im akuten Fall noch bleibt. Er ist im Grunde ein komplettes Restrukturierungskonzept mit einem Business-Plan, einer Due Diligence (detaillierte Bestandsaufnahme) und einem rechnerischen Test der Chancen, dass der Plan auch aufgeht."

Plan muss rechtzeitig entwickelt werden

Dafür bedürfe es betriebswirtschaftlicher, technischer und juristischer Kompetenz, die nicht aus dem Hut zu zaubern und keineswegs überall verfügbar sei. Zudem lässt sich leicht ermessen, dass solche Anforderungen erheblichen finanziellen Aufwand erforderten: "Der ist oft gar nicht mehr drin." Und den Plan erst im laufenden Insolvenzverfahren zu entwickeln, sei eher kontraproduktiv, weil es den Ablauf noch weiter verzögere.

Dass der Insolvenzplan in der öffentlichen Diskussion so stark in den Mittelpunkt gestellt wurde, hat vielen Nicht-Juristen suggeriert, erstes Ziel des neuen Insolvenzrechts sei die Sanierung, möglicherweise sogar zu Lasten der Gläubiger. Doch: "Das einzig wahre Ziel der Insolvenzordnung ist ausschließlich die optimale Verwertung des Schuldnervermögens zur bestmöglichen und gerechten Gläubigerbefriedigung", erläutert Thomas Kluth im Newsletter der Creditreform. Die Sanierung sei dabei der zweite Weg neben der Liquidierung.

Tatsache bleibt: Der Mittelstandsunternehmer muss selbst vorbeugen. Sein Hauptproblem ist immer wieder die magere Eigenkapitalausstattung. Insolvenzverwalter Dirk Pfeil hat auch da seine Erfahrungen: "Familienunternehmer legen oft in guten Jahren zu wenig zurück. Da lockt dann auch das Chalet in der Schweiz, denn das leistet sich auch der Angestellte Herr Breuer." Den Rest besorge dann eine unsinnige Steuerpolitik: "Verdient das Familienunternehmen gut, will der Unternehmer Steuern sparen - er investiert lieber in Verlustbringer wie Schiffe oder Immobilien, statt sein Geld ins eigene Unternehmen zu stecken." Im Ernstfall ist dieses Geld kaum zu mobilisieren.

Quelle: Handelsblatt

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