In Göppinger Klinik
Theologin Dorothee Sölle gestorben

Die evangelische Theologin und Schriftstellerin Dorothee Sölle ist tot. Die 73 Jahre alte Religionswissenschaftlerin, die in Hamburg ihren Wohnsitz hatte, starb am Sonntagmorgen in einer Klinik in Göppingen offenbar in Folge eines Herzinfarktes. Dies sagte die Direktorin der Evangelischen Akademie Bad Boll, Godlind Bigalke. Sölle war zusammen mit ihrem Mann Fulbert Steffensky, einem ehemaligen Benediktinermönch, bei einem Seminar der Akademie gewesen.

HB/dpa GÖPPINGEN/BAD BOLL. Sölle war nach Aussagen der Akademie-Direktorin stark zuckerkrank und hatte etwa vor einem Vierteljahr einen Herzinfarkt erlitten, von dem sie sich aber gut erholte. Am Samstag habe man auf dem Seminar Sölle nichts von einer Erkrankung anmerken können, sagte Bigalke. Am frühen Sonntagmorgen gegen 4 Uhr habe Sölles Mann den Notarzt gerufen, die Theologin sei sofort ins Krankenhaus gebracht worden und dort am Morgen noch gestorben, offenbar an einem erneuten Infarkt, sagte Bigalke.

Für die linke Theologin waren christliche Lebensführung, politisches Engagement und Theologie nicht zu trennen. Sie wandte sich als Friedensaktivistin gegen den Vietnamkrieg genauso wie gegen den Nato-Doppelbeschluss zur Nachrüstung; so wurde sie auch wegen Blockaden von US-Einrichtungen zu Geldstrafen verurteilt. Bei Kirchentagen trat sie auf Alternativveranstaltungen der "Initiative Kirche von unten" auf. 1968 hatte sie das so genannte Politische Nachtgebet beim Katholikentag begründet.

Sölle gilt als meistgelesene theologische Autorin der Gegenwart. Zu ihren Publikationen gehören "Stellvertretung - Ein Kapitel Theologie nach dem Tode Gottes" (1965), "Atheistisch an Gott glauben" (1968), "Welches Christentum hat Zukunft?" (1990) und "Mystik und Widerstand" (1997).

Die in Köln geborene Tochter des Arbeitsrechtlers Hans Carl Nipperdey suchte in ihrer Jugend nach Orientierung. 1949 begann sie zu studieren, zunächst klassische Philologie, dann Philosophie, Literaturwissenschaften und Theologie. 1971 habilitierte Sölle an der Philosophischen Fakultät der Uni Köln zum Thema "Realisation, Studien zum Verhältnis von Theologie und Dichtung". Obwohl sie im Ausland Gastprofessuren bekam, erhielt sie in Deutschland niemals eine ordentliche Professur - das Image einer Außenseiterin der wissenschaftlichen Theologie war zu groß. Für eine "Religion mit Seele" stand Sölle, die mit Gedichten und literarischen Texten die Grenzen der Disziplin eigenwillig sprengte und die Genres mischte.

"Kirche und Staat sind vielleicht trennbar, doch der Geist des Glaubens und der Politik nicht", sagte sie einmal. Gegen die "Amerikanisierung" des Lebens in Europa zog die streitbare Theologin gern zu Felde. "Die Privatisierung vieler gesellschaftlicher Bereiche ist überaus schädlich. Es darf nicht immer nur im Vordergrund stehen, ob sich die Dinge rechnen oder nicht", war Sölles Meinung.

Unumstritten waren ihre Positionen nie. Kirchen-Obere warfen ihr "Randpositionen" vor, ihre Werke wurden nicht selten als "naiv" und "undifferenziert" verrissen. Auf Widerstand der evangelischen wie der katholischen Kirche stießen auch die von ihr zwischen 1969 und 1972 veranstalteten "Politischen Nachtgebete" in Köln. Bis zuletzt zählte Sölle zu den profiliertesten Sprecherinnen eines "anderen Protestantismus", auch weil sie ihn ihren Büchern und im praktischen Leben eine "Entmythologisierung" der Bibel in Gang gebracht hat.

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