In Großbritannien vollzieht sich der Schulterschluss hinter dem „Kriegspremier“ Tony Blair: Uno-Debakel entzweit Paris und London

In Großbritannien vollzieht sich der Schulterschluss hinter dem „Kriegspremier“ Tony Blair
Uno-Debakel entzweit Paris und London

Das Nein der Franzosen zum britischen Vorschlag für einen Irak-Kompromiss hat das Verhältnis der beiden Länder vergiftet. Doch fällt es Tony Blair dadurch leichter, Unterstützung für seinen Kriegskurs zu finden.

LONDON. Großbritannien hat Frankreich in ungewöhnlich scharfer Form dafür verantwortlich gemacht, dass die Hoffnungen auf einen Kompromiss im Uno-Sicherheitsrat weiter schwinden. Dabei räumen die Briten offenbar weiteren diplomatischen Versuche ohnehin wenig Chancen ein: Frankreich habe die jüngsten Vorschläge abgelehnt, noch bevor sich der Irak dazu geäußert habe, sagte der offizielle Sprecher des Premiers. "Damit ist der diplomatische Blutkreislauf vergiftet."

Nicht weniger zimperlich äußerte sich Außenminister Jack Straw. Er warf Frankreich vor laufenden Kameras "außerordentliches" Verhalten vor. "Die Franzosen haben ohne jedes angemessene Abwägen entschieden, ihr Veto einzulegen, egal, was für Vorschläge auf dem Tisch liegen. Doch als wir für die Resolution 1441 stimmten, wurden nicht nur Saddam Hussein, sondern auch den Mitgliedern des Sicherheitsrates Verpflichtungen auferlegt", sagte Straw. Dagegen betonen die Franzosen, über die von Großbritannien vorgeschlagenen Abrüstungsauflagen an Bagdad durchaus reden zu wollen. Nur ein Ultimatum, das zu einem Kriegsautomatismus führen könne, lehne Paris strikt ab.

Der Flurschaden ist gewaltig. Nie seit De Gaulles "No" zum britischen EG-Beitritt 1963 waren die bilateralen Beziehungen so schlecht. Dabei registrieren Beobachter, dass Frankreich ausgerechnet den europafreundlichsten britischen Premier seit Jahrzehnten in die diplomatische Ecke getrieben hat. Während die Aktion auf dem diplomatischen Parkett mehr und mehr nach einer Pflichtübung aussah, begann die Vorbereitung der Briten auf einen Krieg. Die Queen, die im Kriegsfall nicht ins Ausland reist, sagte einen Besuch in Belgien in der kommenden Woche ab. Oppositionsführer Iain Duncan Smith wurde zum Vier-Augen-Gespräch in die Downing Street gerufen und erklärte anschließend praktisch im Namen des Premiers, eine zweite Uno-Resolution habe weniger Chancen als je. "Militärische Aktion ist damit wahrscheinlicher geworden. In unseren Gedanken und Gebeten sind wir nun bei unseren Truppen und ihren Familien," sagte Duncan Smith.

Mit dieser Formel begann der Schulterschluss der Nation hinter den kämpfenden Truppen und hinter dem "Kriegspremier" Blair. Ironischerweise macht gerade Frankreichs Diplomatie Blairs Aufgabe leichter. "Blair begräbt Le Worm" schreibt das Boulevardblatt "Sun" in Anspielung auf seine eigene Anti-Chirac-Kampagne, in der es den französischen Präsidenten als Wurm abgebildet hatte. "Wir gehen mit den Yankees", titelte der "Daily Express" - und bildete vereint flatternde amerikanische und britische Flaggen ab.

Ein entschlossener Kriegskurs erscheint jetzt als Blairs beste Chance, innenpolitischen Spielraum zurückzugewinnen. Wichtig für den Premier ist, dass eine Abstimmungsniederlage in der Uno vermieden wird. Kommt eine zweite Resolution nicht zu Stande, muss Blair auf Grundlage der Resolution 1441 Krieg führen. Die umstrittene Legalität eines solchen Krieges würde durch eine niedergestimmte zweite Resolution weiter untergraben.

In der Frage eines Ultimatums an den Irak hatten in der Nacht zu Donnerstag erstmals auch Großbritannien und die USA völlig gegensätzliche Positionen im Uno-Sicherheitsrat vertreten. Während die Briten Saddam Hussein mehr Zeit für die Abrüstung einräumen wollten, hielten die Amerikaner zunächst am Termin 17. März fest. Inzwischen sind sie aber von dieser harten Haltung abgerückt.

Mitarbeit: Christoph Neßhöver, Paris

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent
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