In Leipzig blüht der Optimismus
Mit Hut und Tucholsky

Leipzig sieht sich im Rennen um Olympia als "Favorit der Herzen". Oberbürgermeister Tiefensee reklamiert für seine Stadt sogar die "beste Position, um zu siegen".

LEIPZIG. Burkhard Jung macht es jedes Jahr Silvester. Er schreibt seine Wünsche und Prognosen auf, steckt den Zettel in ein Kuvert und schaut fünf Jahre später nach, was so alles in Erfüllung gegangen ist. Als der Wessi-Pädagoge mit den Fächern Deutsch und Theologie nach Leipzig kam und Schulleiter wurde, hatte er sich eine neue Turnhalle gewünscht. Es sollte klappen. Allerdings war Geduld vonnöten, denn erst kürzlich - zwölf Jahre nach Formulierung des Wunsches - fand das Richtfest statt.

Inzwischen ist Jung Olympia-Beauftragter der Stadt Leipzig und legt eine Dynamik an den Tag, die nicht zuletzt durch einen gesteigerten Zigarettenkonsum untermalt wird. Auch an diesem arg trüben und kühlen Montagabend, an dem Heino in der Stadt ist. Eigentlich steht für Jung eine Stadtratssitzung an. "Die muss ich dann wohl schwänzen. Und wissen Sie was: Es macht Spaß, sie zu schwänzen", lacht der 45-Jährige. Es geht ja um Olympia.

Also klappert man. Und wie: Das Rathaus, so Jung, sei größer als jenes in Madrid. Das Straßenbahnnetz das zweitdichteste in Europa hinter Berlin. Die Zahl der Sonnenstunden im Lande nur in Freiburg höher. Zudem gab es hier das erste bürgerliche Kulturorchester, das Gewandhausorchester. Ach ja, die putzigen Ost-Ampelmännchen mit Hut seien auch nicht schlecht.

Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee weiß all diese Dinge sicher auch. Aber er erzählt nicht davon. Beim abendlichen Schnittchenessen im "Mückenschlösschen" fragt er vielmehr: "Wer bewirbt sich eigentlich sonst noch?" Nach einer kurzen Kaupause meint er dann: "Spaß beiseite."

Der Politiker, der vor ein paar Monaten nicht als Verkehrsminister nach Berlin wollte, hat das Olympia-Thema zur Chefsache erklärt. Im Falle des Scheiterns, sagt der OB, "wäre die Enttäuschung riesengroß". Und redet sich sogleich Mut ein: "Hier in West-Sachsen haben wir eine Woge der Begeisterung. Ich bin kein Wolga-Treidler, der einen rostigen Kahn ziehen muss." Spätestens seit dem zweiten Platz im Bericht der Evaluierungskommission hinter Hamburg ist die Zuversicht unendlich: "Wir befinden uns in der besten Position, um zu siegen." Auch deshalb, weil man ein "nach vorne schauendes Deutschland" repräsentiere.

Und nicht nur das. Das Kulturangebot, so Tiefensee, sei so gut wie in München. Die Lebensqualität so gut wie in Hannover. Und dann erst die Möglichkeiten, sich als Existenzgründer zu profilieren. Hätte auch von Jung sein können, der mit seinem Dienst-BMW mit Kennzeichen "L - 2012" schon zigmal zur Olympia-Ausstellung in die Alte Messe gefahren ist. Natürlich auch mit der NOK-Kommission, natürlich auch mit den meisten Chefs der stimmberechtigten Sportfachverbände.

Sie alle haben die Pläne für die Sommerspiele 2012 gesehen, die Entwürfe zweier Architekten aus Dresden und New York. Die Fotos von Olympia 1896. Den Speer von 1936. Und vor allem die Erinnerungen an die Montagsdemonstrationen. Auf einem Schild steht: "Mit Optimismus und CDU, gehe ich der Zukunft zu." Genau hier, neben dem Spruch, lässt sich SPD-Stratege Tiefensee gern fotografieren.

Am liebsten aber ist der Oberbürgermeister der Mann, der die Global Player nach Leipzig holt. BMW zum Beispiel. "Die konnten gar nicht so schnell planen, wie wir ihnen Unterlagen zur Verfügung gestellt haben", erzählt Tiefensees Mitstreiter Jung. Und auch bei Porsche habe der Wiedeking gesagt: Macht mal langsam.

Beim Thema Olympia bremst niemand. Auch die Vorzüge der Konkurrenz lässt die Sachsen kalt. Auf das maritime Flair des Konkurrenten Hamburg angesprochen, kontert Jung mit einem Auszug aus Tucholskys "Ideal": "Ja, das möchste: Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse, vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße; mit schöner Aussicht, ländlich-mondän, vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn - aber abends zum Kino hast du?s nicht weit." Auf den Mund gefallen sind die Leipziger nicht. Ob?s hilft?

Tiefensee mag es vor allem, wenn Leipzig als "Favorit der Herzen" bezeichnet wird. Auf die Parteifreunde in Berlin kann er aber noch nicht zählen. "Dass sie sich noch nicht committen, dafür habe ich volles Verständnis. Was übrigens auch für große Unternehmen gilt", sagt er. Ein Blick in die Fördererliste der Leipziger Bewerbung zeigt, dass prominente Firmennamen in der Tat fehlen. Jung gibt zu, dass er schon "gerne mehr Geld" als die 1,2 Millionen Euro ausgegeben hätte. Hamburg konnte über vier Millionen Euro einsetzen und Airbus Deutschland und den Otto-Versand als Sponsoren aufbieten.

Leipzig dagegen hat Sven Ottke. Der Box-Weltmeister griff nach seinem jüngsten WM-Kampf zum Mikro und setzte sich vehement für die Stadt als Olympia-Standort ein. Nicht zum ersten Mal. Bei einem TV-Auftritt trug er unlängst verbotenerweise ein T-Shirt mit dem "Spiele-mit-uns"-Schriftzug. Folge: Leipzigs Bewerbungskomitee erhielt vom NOK eine Abmahnung.

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