In Melbourne beginnt am Freitag das Daviscup-Finale zwischen Australien und Frankreich
Tennis als Stammesheiligtum

Nirgendwo hat die Mannschafts-WM im Herren-Tennis einen so hohen Stellenwert wie in Australien. In Melbourne will Patrick Rafter sich zum ersten Mal den Pokal holen.

MELBOURNE. Vielleicht sitzt irgendwo in Australien in den nächsten Tagen ein fünfjähriger Junge mit glühenden Augen vor dem Fernseher. Zum ersten Mal in seinem Leben haben ihm die Eltern erlaubt, ein Daviscupspiel zu verfolgen. Und abends liegt der Junge dann im Bett und träumt. Träumt, wie es denn wäre, wenn ihm die Menschen zujubelten wie Patrick Rafter und Lleyton Hewitt. Wie es wäre, wenn er seine Hand auf die berühmteste Mannschaftstrophäe des Tennis legen könnte und mit einer Konfettiparade durch die Stadt gefeiert würde. Vielleicht geht dieser Traum ja für den bisher noch unbekannten Star von morgen eines Tages in Erfüllung. Dann hätte sich die australische Daviscup-Tradition wieder einmal fortgesetzt, die von Generation zu Generation weitergegeben wird wie ein Stammesheiligtum.

Rafter, der seine Karriere möglicherweise mit dem Finale gegen Frankreich von Freitag bis Sonntag in Melbourne beendet, bekam seine Inspiration als 13-Jähriger von seinem jetzigen Kapitän John Fitzgerald, der 1986 Mitglied des letzten siegreichen australischen Teams auf heimischem Boden war. Fitzgerald selbst wiederum berichtet, dass er im Alter von 12 Jahren den Sieg von Rod Laver und John Newcombe 1973 gegen die USA verfolgt hatte. "Von da an war es wie ein Traum", sagt Fitzgerald. "Wenn wir jetzt unter meiner Führung gewinnen würden, wäre das eine Erinnerung, die mir bis ins Grab bleibt." Und Newcombe und sein Doppelpartner Tony Roche wiederum waren als Neun- und Zehnjährige unter den Zuschauern, als ihre Helden Lew Hoad und Ken Rosewall spielten.

Und so setzt sich die Reihe fort bis zu den ersten Siegern vom fünften Kontinent 1907, als sie noch als "Australasien" starteten, unter Einschluss Neuseelands. In den fünfziger und sechziger Jahren waren die Australier sogar das Maß aller Dinge im Daviscup und gewannen 15 Mal in 18 Jahren. Wenn wie beim Halbfinale in diesem Jahr gegen Schweden die großen "Alten" auf dem Platz vorgestellt werden, kennt der Beifall der Zuschauer keine Grenzen. Die 15 000 Karten für jeden der drei Final-Tage in Melbourne waren in Windeseile ausverkauft, Tausende werden immerhin noch knapp 25 DM zahlen, um das Spektakel neben dem Stadion auf einer Wiese vor einer Großbildleinwand verfolgen zu können.

Enormer zeitlicher Aufwand

Denn bis heute misst keine andere Nation dem Daviscup eine auch nur annähernd vergleichbare Bedeutung zu wie die Australier. Diese Ernsthaftigkeit hat ihnen immerhin 27 Titel eingebracht, nur drei weniger als den USA. Aber gerade die erfolgreichste Nation der seit 1900 existierenden Daviscup-Geschichte ist das beste Beispiel dafür, dass nicht alle sich um die "hässlichste Salatschüssel der Welt" so reißen wie die "Aussies". Die Amerikaner haben seit Jahren Probleme, ihr bestes Team einzusetzen, Stars wie Andre Agassi und Pete Sampras haben nur sporadisch mitgemacht. Sie haben - genau wie viele Spieler anderer Länder - den enormen zeitlichen Aufwand kritisiert, den der Daviscup erfordert. Wenn eine Nation das Finale erreicht, sind fast zwölf Wochen nötig, um sich vorzubereiten, zu spielen und sich wieder zu erholen.

Das scheint offenbar für die Australier kein Problem. Auch der manchmal eckige Hewitt ist vom Daviscup-Fieber ergriffen, spätestens, seitdem er als 15-jähriger Nachwuchsspieler im australischen Team mittrainieren durfte und dort vom erfahrenen Rafter "adoptiert" wurde. "Orange Boys" heißen in Australien Jungs wie Hewitt, die den Stars in den Trainingspausen Orangenscheiben zum Auslutschen bringen, bevor sie anfangen, selbst in die Fußstapfen der Cracks zu treten. Schon manche Karriere begann auf diese Weise.

Das ganze Team steht hinter Rafter

"Der Daviscup ist einer der Hauptgründe, warum man auf all die großen Spieler zurückblickt", sagt Hewitt, der vor knapp zwei Wochen auch ziemlich deutlich machte, dass ihm der hoch dotierte Masters Cup weniger bedeutet, als der riesige Pokal, den der Amerikaner Dwight Filley Davis vor über 100 Jahren gestiftet hat.

Rafter hat es im Gegensatz zu Hewitt bisher nicht geschafft, seinen Namen auf dem Pokal zu verewigen, deshalb steht das ganze Team hinter dem sympatischen zweimaligen Sieger der US Open. Sein Trainer Tony Roche, dessen Namen bereits die Trophäe ziert, weiß, was der Sieg Rafter bedeuten würde. Trotz vieler Enttäuschungen - nicht zuletzt dem verlorenen dramatischen Wimbledon-Endspiel gegen Goran Ivanisevic - wäre das möglicherweise letzte Jahr in Rafters Karriere ein gutes Jahr, befindet Roche. Aber nur, wenn das Endspiel in Melbourne zum Erfolg für die Gastgeber wird.

Falls nicht, hat Rafter bereits den möglichen Rücktritt vom Rücktritt angekündigt, um sich dann später doch noch den Traum vom Daviscup zu erfüllen. Und vielleicht einen neuen Traum zu entzünden.

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