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In NRW bis zu 10 000 Telekommunikations-Jobs in Gefahr

Der einst als Wachstumsmotor umjubelte Internet- und Telekommunikationssektor vermeldet derzeit eine Unternehmenspleite nach der anderen.

ddp KöLN/BONN. «Hält die Entwicklung an», rechnet Branchenkenner Jürgen Grützner vor, «stehen allein in Nordrhein-Westfalen an die 10 000 Arbeitsplätze auf der Kippe». Wegen der hohen Bevölkerungsdichte, der überdurchschnittlichen Einkommenssituation und der guten Infrastruktur hatten sich viele Unternehmen im Ballungsraum Rhein-Ruhr ein gutes Geschäft versprochen und sich hier gleich mit ihrem Hauptsitz angesiedelt.

Doch die Telekom-Konkurrenten sehen den Wettbewerb durch die Politik der Bonner Regulierungsbehörde massiv behindert und damit gefährdet. Diese lasse es zu, dass die Telekom als Ex-Monopolist im Unterbieten der Tarife weiter am längeren Hebel sitze und die Mitbewerber verhungern lasse, klagt Grützner. Als Verbandsgeschäftsführer der Anbieter von Telekommunikations- und Mehrwertdiensten (VATM) vertritt er die 50 größten der rund 100 am Markt operierenden Unternehmen. Die Telekom habe zielstrebig alle Gewinnmargen am Markt vernichtet, «weil sie es selbst am längsten aushält». Am Ende könnten die Endpreise wieder anziehen, wenn nur noch die Telekom und einige wenige Konkurrenten übrig blieben, warnt Grützner.

Jüngstes und spektakulärstes Beispiel in der vergangenen Woche war die Auflösung und Übernahme der Kölner o.tel.o («for a better understanding») durch die Muttergesellschaft Arcor. Arcor-Chef Harald Stöber teilte nüchtern mit, o.tel.o habe die notwendigen Preissenkungen nicht durch ein entsprechendes Volumenwachstum ausgleichen können. Arcor versicherte eilends, die 550 o.tel.o-Mitarbeiter zum 1. Januar 2002 übernehmen sowie Köln und Essen als Kernstandorte beibehalten zu wollen.

Zugleich kündigte die neue Führung aber einen harten Rationalisierungskurs an. Stöber und seine Kollegen sind vor allem sauer auf die unklare Entscheidungslage der Regulierungsbehörde, die aus Angst vor Kritik und gerichtlichem Streit Genehmigungen neuerdings gerne befristet oder unter Vorbehalt erteilt: Der Markt sei aber «kein universitäres Labor, in dem man mal schauen kann, was passiert», empört sich der Arcor-Chef.

«Derzeit steckt die gesamte Branche in der Bredouille», weiß Grützner zu berichten. Kein Investor sei bereit, angesichts des unsicheren Umfelds und der trüben Gewinnerwartungen auch nur eine müde Mark in ein neues Internet- oder Telefonunternehmen zu stecken. Aber nicht nur die Investoren fühlen sich in einer «fürchterlichen Kapitalfalle». Auch die Kunden sind irritiert, weil sie nicht wissen, wie lange sich ihr Anbieter am Markt halte, und zu welchen Konditionen sie später zur Konkurrenz wechseln können.

Völlig offen ist zudem, ob die Fernsehzuschauer so bereitwillig ihr Portemonnaie für das künftige Angebot im Kabelnetz mit Zusatzleistungen wie Video auf Abruf, Online-Anschluss und Telefonieren öffnen werden. In NRW ist das Kabelnetz der Telekom an den Investor Callahan gegangen. Branchenkenner erwarten bald einen spürbaren Anstieg der Gebühren.

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