In Ruhpolding treten die Sportler auch mit Pfeil und Bogen an: Biathleten haben den Bogen raus

In Ruhpolding treten die Sportler auch mit Pfeil und Bogen an
Biathleten haben den Bogen raus

Biathlon, seit 1960 olympische Disziplin, hat inzwischen vielen anderen Wintersportarten den Rang abgelaufen. Die große Popularität der Skijäger spiegelt sich auch in der Höhe der Marketing- und Fernseheinnahmen des Weltverbandes IBU wieder.

HB RUHPOLDING. Peter Bayer bestimmt die Kameraperspektive. "Der Knieendanschlag sieht sehr ästhetisch aus und liefert hervorragende Bilder", sagt der deutsche Generalsekretär des Biathlon-Weltverbandes IBU. Knieendanschlag? Den gibt es beim Winterzweikampf aus Laufen und Schießen doch gar nicht. Geschossen wird liegend und stehend. Das war einmal. Beim Weltcup, der seit gestern in Ruhpolding ausgetragen wird, zielen die Sportler erstmals auch knieend. Allerdings nicht mit dem Kleinkalibergewehr, sondern mit Pfeil und Boden.

Archery Biathlon heißt die neuste Schöpfung aus der IBU-Kreativabteilung. Am Samstag werden die Damen und Herren den Einheitsbogen für 150 Dollar umhängen und wie einst unsere Vorfahren durch die Winterlandschaft jagen - in einem Demonstrationswettbewerb. Dabei soll es aber nicht bleiben. Bei vier Weltcuprennen und den Weltmeisterschaften in Pokljuka ist Archery Biathlon offizieller Programmpunkt. "Wenn die neue Spielart des Biathlon erst fest etabliert ist, könnte es bereits 2010 um Olympiamedaillen gehen", glaubt Bayer. Die Jagd mit Pfeil und Bogen sei preisgünstiger als die mit der Kleinkaliberwaffe und Archery Biathlon könne auch gut im Sommer praktiziert werden.

Damit käme die IBU ihrem Ziel, die klassische Wintersportart ganzjährig in den Medien zu platzieren, ein gutes Stück näher. Im vergangenen Jahr hatte der Weltverband bereits die siebte Sommerbiathlon-WM in Polen organisiert - mit Crosslauf und Schießen. Doch die Resonanz war mäßig: "Die Topathleten machen nicht mit, weil sie sich langfristig auf die Winterrennen vorbereiten", erklärt Bayer. 1960 erlebte Biathlon seine olympische Premiere und seit dieser Zeit ist die IBU bestrebt, die Sportart noch populärer zu machen. So kamen zu dem althergebrachten Rennen über 20 Kilometer fernsehgerechte Wettkämpfe wie der Sprint oder das Verfolgungsrennen hinzu. 1992 durften erstmals die Skijägerinnen um olympische Ehren streiten. Bei den kommenden Winterspielen in Salt Lake stehe zwar der attraktive Massenstart noch nicht auf dem Programm, aber er sei zuversichtlich, dass dies schon 2006 in Turin der Fall sein werde, sagt der IBU-Generalsekretär.

"Die kommenden olympischen Rennen werden ein Riesenerfolg", glaubt auch der Slowene Janis Vodicar, der als IBU-Vizepräsident für den Sportbereich zuständig ist. "Allerdings haben wir den Organisatoren, die keine Ahnung vom Biathlon haben, auch vieles sagen müssen." Die Höhenlage, der Kunstschnee und die trockene Kälte mit nur 50 Prozent Luftfeuchtigkeit in Salt Lake City könnten für manche Überraschung sorgen. Was den internationalen Stellenwert angeht, hat Biathlon andere populäre Wintersportarten wie Rodeln, Bob oder auch Skispringen längst überholt. 38 Länder waren in Oberhof am Start, 39 sind es in Ruhpolding. "Da zahlen sich unsere Hilfsprogramme aus", betont Bayer. Allein in Oberhof seien zusätzlich zu den Preisgeldern 110 000 Euro an die angereisten Mannschaften ausgezahlt worden. Den ärmeren Verbänden hilft die IBU mit Trainern, Kursen, Munition, Material oder Leasing-Fahrzeugen.

Das Geld stamme aus Marketingerlösen und TV-Einnahmen, erläutert der Generalsekretär. Den Fernsehvertrag mit dem Europapartner EBU hat der Weltverband vorzeitig bis 2006 verlängert - für knapp 13 Millionen Euro. Insider glauben, dass die IBU noch mehr hätte herausschlagen können. Denn Hauptabnehmer der EBU in Deutschland sind die öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF, die es sich nicht leisten können, auch noch den quotenträchtigen Biathlonsport an RTL zu verlieren. Eurosport sowie Anstalten in Norwegen und Slowenien sind weitere feste TV-Partner, und nach dem ersten Weltcuperfolg einer Chinesin 2001 am Holmenkollen soll auch das Milliardenvolk im Reich der Mitte den Winterzweikampf an den Bildschirmen verfolgen können. Zusätzlich zu den Geldern aus der TV-Vermarktung fließen durch Marketing und Werbung bis 2006 weitere 22 Millionen Euro in die IBU-Kasse. Auch hier hat der Verband also den Bogen raus.

Der neue Präsident des Weltverbandes, der im Sommer das Zepter von dem Norweger Anders Besseberg übernehmen soll, kann sich also in ein gemachtes Nest setzen. Ein deutscher Bewerber ist derzeit aber nicht in Sicht, obwohl die IBU den Löwenanteil ihrer Marketing- und Fernseheinnahmen von deutschen Partnern erhält.

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