In St. Kitts gibt es noch keinen Platz mit Tartanbahn
Diplomat in Kniestrümpfen

Der 100-Meter-Weltmeister Kim Collins von der Karibik-Insel St. Kitts und Nevis pflegt sein Image als Exot. 2002 gewann er sogar das 100-m-Finale der Commonwealth Spiele.

PARIS. Vielleicht hat Kim Collins bei seiner Einreise am Flughafen von Paris ja seinen Diplomatenpass gezückt. Seine Exzellenz Mr. Kim Collins vertritt offiziell den ehrenwerten Staat St. Kitts and Nevis hätten die Grenzbeamten dann gelesen. Und der 27-Jährige hätte dann gerne erklärt, dass St. Kitts and Nevis zwei Karibikinseln umfasst, 300 km südöstlich von Puerto Rico gelegen ist. Und dass St. Kitts, die größere der Inseln, 30 km lang und an seiner breitesten Stelle acht Kilometer breit ist. Aber eigentlich ist Collins gar kein richtiger Diplomat, er ist Sprinter, er hat sogar 2002 das 100-m-Finale der Commonwealth Spiele gewonnen. Danach überreichte ihm der Generalgouverneur auf St. Kitts feierlich den Diplomatenpass und übergaben ihm auch noch den Schlüssel zu einem eigenen Haus. Doch das schien der großen Leistung des Läufers immer noch nicht gerecht zu werden. Also benannten sie gleich noch eine Straße nach Kim Collins.

Deshalb wird es jetzt schwierig. Was soll man ihm noch schenken? Kim Collins, der Mann mit den schwarzen Kniestrümpfen, ist am Montagabend Weltmeister über 100 m geworden, in 10,07 Sekunden, hauchdünn vor dem sensationell stark laufenden 18-Jährigen Darrel Brown (Trinidad, 10,08) und vor Darren Campell (Großbritannien/10,08). Anschließend hüllte sich der schnellste Mann der Welt in ein riesiges Tuch und zeigte so der Welt, wie die Nationalflagge von St. Kitts and Nevis aussieht. Und die 40 000 Fans im Stade de France feierten diesen Überraschungssieger, der nicht an Geschenke dachte, sondern nur daran, dass jetzt bei ihm zu Hause, auf St. Kitts und Nevis, alle rund 40 000 Einwohner Party feiern. "Oh, Mann, ihr könnt euch gar nicht vorstellen, was da unten jetzt los ist. Die feiern wochenlang, und sie warten auf mich."

Soll er jetzt weniger feiern, weil er die schlechteste Siegerzeit in einem WM-Finale seit 1983 gelaufen ist (damals gewann Carl Lewis, ebenfalls mit 10,07 Sekunden)? Oder weil der dreimalige Weltmeister Maurice Greene reichlich theatralisch seine Halbfinal-Pleite inszenierte und mit steifem linken Fuß davonhumpelte, nachdem er hinterhergerannt war, und deshalb im Finale fehlte? Collins dachte ja gar nicht daran. "Jeder hatte die gleiche Ausgangsposition. Und mit 10,07 Sekunden wirst du das eine mal Weltmeister und das andere mal Olympiasechster." Außerdem ist er auch noch WM-Dritter von 2001 über 200 m. Das ist ja auch nicht schlecht.

Collins hofft, dass die Regierung auf der Insel nach diesem Erfolg, endlich eine vernünftige Tartanbahn auf St. Kitts baut. Bis jetzt gibt es dort nämlich nur einen unebenen Rasenplatz. Collins macht mit verdrehten Augen heftige Wellenbewegungen mit seiner Hand, es muss sehr uneben sein. Deshalb gibt es ja auch keine organisierte Leichtathletik auf St. Kitts. Auf Nevis natürlich auch nicht. Collins ist als Junge und als Jugendlicher einfach so gerannt. Am Strand, auf den Straßen, wo auch immer. Aber immerhin, er ist gerannt. Seine zehn Geschwister dagegen "waren furchtbar faul. Sie sind es immer noch." Collins "ist ja eigentlich auch ziemlich faul", aber noch so ehrgeizig, dass er 1995 und 1996 nach Jamaica ging, um zu trainieren. Er wollte nun ernsthaft Sprinter werden. Aber auf Jamaica entwickelte er sich nicht weiter, also übersiedelte er 1998 nach Arizona, lebt jetzt in Fort Worth, Texas, und studiert an der Texas Christian Universität.

Er lebt jetzt nur noch vier Monate im Jahr auf St. Kitts. Aber dort lebt er prächtig. Einer seiner Kumpel besitzt ein Pub in Basseterre, der Hauptstadt, und bei ihm darf Collins lebenslang umsonst essen und trinken. Er nütze das mächtig aus, sagt er. Es passt zu seinem Lebensstil. Er trainiert genau so viel, wie nötig, um vorne mitlaufen zu können. Aber er rührt kaum eine Hantel an. Seit er sich beim Krafttraining verletzte, meidet er Krafträume. Man sieht es ihm auch an. Er ist zwar 1,75 m groß, aber gerade mal 64 Kilogramm schwer. Ein Hänfling neben den Kraftpaketen Greene, Ato Boldon, Dwain Chambers oder Jon Drummond. "Na und?", sagt Collins. "Ich bin der einzige natürliche Sprinter, alle anderen sich gemachte Sprinter." Klingt da ein Dopingverdacht durch? Aber Collins möchte nicht näher drauf eingehen. Lieber redet er von der großen Insel-Party.

Der Weltmeister hatte Glück, dass sein Finale nicht an einem Sonntag und, gemessen an der Ortszeit St. Kitts, nicht am Abend stattfand. Am Sonntagabend haben die Leute von der Insel nämlich keine Zeit, Leichtathletik zu schauen. Am Sonntagabend gehen die Leute von St. Kitts and Nevis zur Kirche. Auch wenn ein Volksheld sprintet

Quelle: Handelsblatt

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