In Südkorea wurden die acht Gruppen der Fußball-Weltmeisterschaft 2002 ausgelost
Schmunzeln über England

Rudi Völler konnte sich über eine "mittelprächtige Gruppe" mit Saudi-Arabien, Irland und Kamerun freuen. Und darüber, dass den Deutschen das Schicksal von Qualifikationsgegner England erspart blieb. In der Heimat verärgerte das ZDF mangels Live-Bilder sein Publikum.

HB BUSAN. Endlich einmal zeigte sich Rudi Völler wieder richtig entspannt – Michel Platini und den anderen "Glücksfeen" sei dank. Mit ihren Losen lösten sie beim Teamchef der deutschen Fußball-Nationalmannschaft jenes unbeschwerte Mienenspiel aus, das seit dem 1:5-Debakel vor drei Monaten gegen England und dem folgenden Qualifikations-Trauma in der Öffentlichkeit nicht mehr zu sehen war. Forsche Töne aber vermied der 42-Jährige nach der Auslosung der 17. Weltmeisterschaft vom 31. Mai bis 30. Juni 2002 in Japan und Südkorea. In der Gruppe E warten mit Saudi-Arabien, Irland und dem von Landsmann Winfried Schäfer trainierten Kamerun durchweg dankbare Aufgaben. "Eine mittelprächtige Gruppe wie viele andere auch", so Völler in bester Tiefstapler-Manier, ehe er sich gestern auf Quartiersuche begab und erstmals in seinem Leben nach Japan flog.

"Die werden sich schön fetzen"

Wirklich Grund zum Klagen hatten indes die Argentinier, Engländer, Nigerianer und Schweden. "Die werden sich schön fetzen", schmunzelte Völler zur Situation in der Gruppe F. So gehört der Schwede Sven Göran Eriksson eigentlich zu den ganz selbstbewussten Menschen, und man sagt ihm das Benehmen eines honorigen Gentleman nach. Doch als im Convention Center von Busan die Gruppen-Lose gezogen wurden, fiel es dem obersten Fußballtrainer Ihrer Majestät schwer, Fasson zu bewahren. Erst mit etwas Distanz kommentierte er das englische Los: "Argentinien ist die beste Mannschaft der Welt, Nigeria das beste Team Afrikas, und wenn ich eines nicht gewollt habe, dann gegen mein Heimatland Fußball spielen. Aber offensichtlich ist das Schicksal."

Der Zettel mit der Aufschrift "England" sorgte schlichtweg für den "Thriller" der WM-Lotterie. Das Mutterland dieses Sports, der zweimalige Weltmeister Argentinien, die ehemaligen Olympiasieger aus Nigeria und die athletischen Nordmänner addierten sich in Busan flugs zusammen zu dem Begriff "Todesgruppe" (Völler).

Ein WM-Turnier braucht solch ein Quartett, in dem kein Mensch genau sagen kann, welche zwei Mannschaften die Vorrunde überstehen. So können sich die Sportsfreunde auf allen Kontinenten noch sechs Monate im voraus die Köpfe heiß diskutieren, ob Eriksson, der gefeierte Erneuerer britischer Fußball-Macht, nicht schon während der Qualifikationsphase für den großen Wettbewerb sein ganzes Glück aufgebraucht hat, als Michael Owen und Co. im Münchner Olympiastadion fünfmal gegen Deutschland getroffen hatten und im Match gegen Griechenland Beckhams Freistoß in der Nachspielzeit zum mirakulösen Unentschieden im Netz gelandet war.

Losverfahren nur Mathematikern erschließbar

Das komplizierteste Losverfahren, das Fifa-Generalsekretär Michael Zen-Ruffinen entworfen hatte, weil beim ersten WM-Wettbewerb in Asien zwei Länder von der Spannung profitieren wollten und die attraktiven Teams auch nach Kontinenten getrennt verteilt werden mussten, hatte sich anfangs nur studierten Mathematikern erschlossen. Die Fernseh-Lotterie von Busan hat auch aus den zuletzt international schon ausgezählten Deutschen wieder bessere Kicker gemacht. Wie in den guten alten Tagen, als Fortuna noch in einem DFB-Trikot kickte, fingerten die einheimische Schauspielerin Song Hye-gyo, Frankreichs Heros Michel Platini und Cho Hun-hyun, ein Weltstar im fernöstlichen Schachspiel namens Ba-duk hintereinander Irland, Saudi-Arabien und Kamerun aus den diversen Glasschalen. Schon Minuten später hatten die Bundesliga-Experten die WM-Tour hochgerechnet: Über Sapporo (1. Juni gegen Saudi-Arabien), Ibaraki (5. Juni/Irland) und Shizuoka (11. Juni/Kamerun) soll sie ins Viertelfinale nach Südkorea führen; und falls Völlers Spieler unbedingt nach Nippon zurückkommen wollen, können sie erst im Endspielort Yokohama auf die Favoriten Frankreich, Argentinien und Brasilien treffen.

In der Heimat allerdings guckten die deutschen Fans bei der Fernseh-Übertragung der Auslosung im wahrsten Sinne des Wortes in die Röhre. Die Androhung einer 60-Millionen-Schadenersatzklage der spanischen Telefongesellschaft Telefonica führte zum Eklat: Das ZDF durfte kurzfristig keine Live-Bilder ausstrahlen, weil die Bilder für Deutschland nicht verschlüsselt ausgestrahlt werden konnten. Sie wären somit beispielsweise auf der deutschen Urlauberinsel Mallorca auf den Balearen sowie auf den Kanarischen Inseln zu empfangen gewesen. Beim ZDF war man offensichtlich nicht darauf vorbereitet, dass die Bedingungen des WM-Vertrages auch schon für die Auslosung gelten. So konnte Moderator Wolf-Dieter Poschmann lediglich verbal die Auslosung dem Zuschauer nahebringen, Bilder wurden erst in den nachfolgenden aktuellen Sendungen gezeigt. Die Folge: Beim ZDF liefen dank zahlreicher verärgerter Anrufer am Wochenende die Telefone heiß.

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