In- und ausländische Unternehmen warnen vor Niedergang der Arzneimittel-Forschung
Pharmabranche macht um Deutschland einen Bogen

In der Pharmaforschung fällt der Standort Deutschland immer weiter zurück. Die Gesundheitspolitik, fürchten Manager der Branche, macht zaghafte Hoffnungen auf eine Trendwende zunichte.

Die deutsche Pharmabranche kennt die bittere Diagnose seit langem: Das Land, das sich vor Jahrzehnten einmal den Ruf einer "Apotheke der Welt" erwarb, ist in der industriellen Arzneimittelforschung ins Mittelmaß zurückgefallen. Und wenn die vielen Skeptiker aus der Branche Recht behalten, wird dieser negative Trend durch die jüngsten Vorhaben in der deutschen Gesundheitspolitik noch verstärkt.

Umfragen des Verbandes der Forschenden Arzneimittelhersteller (VFA) jedenfalls sprechen in dieser Hinsicht eine deutliche Sprache: Danach plant fast jedes zweite Mitgliedsunternehmen des VFA, seine Ausgaben für Forschung und Entwicklung (F+E) in Deutschland zu verringern. Drei Viertel der Unternehmen wollen andererseits ihre F+E-Ausgaben im Ausland erhöhen. "Der Standort Deutschland fällt damit immer weiter hinter anderen Ländern zurück", konstatiert ein VFA-Sprecher.

Diese Einschätzung beschreibt einen Trend, der die Branche seit langem prägt. Die Ausgaben für Arzneimittelforschung sind zwar auch in Deutschland kontinuierlich gestiegen - aber wesentlich langsamer als zum Beispiel in den USA, Großbritannien oder Frankreich. Mit insgesamt rund 3,4 Mrd. Euro investiert die gesamte deutsche Pharmabranche heute weniger in die Entwicklung von Arzneimitteln als der US-Konzern Pfizer alleine. Auch nimmt nach Angaben des VFA die Zahl der neuen Wirkstoffe auf dem deutschen Markt deutlich langsamer zu als in den USA oder in anderen europäischen Ländern.

In den Augen der Pharmaindustrie hat die deutsche Gesundheitspolitik erheblichen Anteil an dem schleichenden Niedergang der Pharmaforschung. Zum einen bremsen Preisobergrenzen das Marktwachstum, zum anderen schaffe die Politik nicht genügend Anreize für Innovationen. Industrieexperten bemängeln darüber hinaus zu geringe Investitionen in die Grundlagenforschung und ungünstige Strukturen für die klinische Forschung, das heißt für die Erprobung neuer Medikamente an Menschen. Äußerst negativ wirkte zudem die gesetzliche Blockade der Genforschung in den 80er und frühen 90er Jahren.

All dies hat letztlich zu einer asymmetrischen Globalisierung der Pharmabranche beigetragen. Währende deutsche Konzerne wie Bayer, Schering oder BASF ihre Forschung in den USA stark erweiterten, verzichteten viele angelsächsische Firmen fast vollständig darauf, F+E-Aktivitäten in Deutschland aufzubauen. Zudem konnten die USA einen enormen Vorsprung in der Biotech-Forschung aufbauen.

Einer Studie der Unternehmensberatung Boston Consulting Group zufolge befinden sich heute von 130 Forschungsstätten der führenden globalen Pharmaunternehmen 52 in den USA und nur 10 in Deutschland. Geradezu typisch ist die Entwicklung bei der aufstrebenden Pharmafirma Altana AG. Sie forschte bisher noch fast ausschließlich in Deutschland, baut nun jedoch ein F+E-Zentrum in den USA auf. Bei Schering entfällt inzwischen nur noch die Hälfte der F+E-Ausgaben auf das Inland, gegenüber drei Vierteln Anfang der 90er Jahre. "Die Substanz der Firmen wandert damit immer stärker nach Amerika", konstatiert Schering-Chef Hubertus Erlen.

Die neuen Pläne der Bundesregierung, fürchten Manager der Branche, könnte diesen Trend zusätzlich verstärken. Besonders heftig kritisieren sie zum einen die Pläne für eine "unabhängige Institution", die das Verhältnis von Kosten und Nutzen der Arzneimittel prüfen soll. Denn damit werde es künftig noch länger dauern, bis die Produkte auf den Markt kommen, heißt es.

Zum anderen sieht sich die Branche von den geplanten Zwangsrabatten und Festbeträgen bei patentgeschützten Arzneimitteln hart getroffen. "Damit werden Forschung und Investitionen am Standort Deutschland abgewürgt", warnt der VFA-Vorsitzende und Chef der Darmstädter Merck KGaA, Bernhard Scheuble. Und Karl Schlingensief, der das deutsche Pharmageschäft des Schweizer Konzerns Roche leitet, erhebt die Frage, "ob Innovationen in Deutschland überhaupt noch erwünscht sind".

Geradezu verbittert zeigen sich die Manager von britischen und amerikanischen Pharmafirmen wie Pfizer, GlaxoSmithkline (GSK) oder Merck Sharp & Dohme (MSD). Diese Firmen hatten in den vergangenen Jahren nach eigenen Angaben ihre klinische Forschung in Deutschland erstmals wieder ausgebaut. "Das könnte nun jedoch wieder zum Kippen kommen", fürchtet MSD-Geschäftsführer Stefan Oschmann. "Die jüngsten Beschlüsse sind ein extrem schlechtes Signal für den Standort."

Quelle: Handelsblatt

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