In vielen Branchen ist die Stimmung auf dem Nullpunkt
Katzenjammer fast überall – doch es keimt Hoffnung

Der Ausblick in das neue Jahr ist wenig erfreulich. Wenn nach den Feiertagen wieder Leben in Fabrikhallen und Büros einkehrt, dominiert in deutschen Firmen fast überall der Katzenjammer. Doch in der zweiten Jahreshälfte könnte es einen kleinen Aufschwung geben - vor allem in der Autobranche und im Bereich Informationstechnologie.

HB DÜSSELDORF. Gerhard Fels muss ein wenig überlegen, wann es zum letzten Mal einen ähnlich schlechten Bericht gegeben hat. "Selten hat die Wirtschaft so pessimistisch ins neue Jahr geblickt wie diesmal", konstatiert der Direktor des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Traditionell zum Jahresschluss sammelt das IW die Prognosen der 44 wichtigsten deutschen Branchenverbände. 18 Industriezweige rechnen für 2003 mit sinkenden Produktionszahlen, 19 Verbände erwarten eine Stagnation - ein ähnlich schlechtes Umfrageergebnis wie in den Rezessionsjahren 1992/93.

Auch in Börsen- und Finanzmarktkreisen wird die wenig erfreuliche Stimmung in den Unternehmen bestätigt. Besondere Verantwortung dafür trage die Bundesregierung mit einer fehlerhaften Wirtschaftspolitik. "Keines der großen strukturpolitischen Probleme ist gelöst", unterstreicht Matthias Jörss, Analyst beim Bankhaus Sal. Oppenheim. Soziale Sicherung oder Liberalisierung des Arbeitsmarktes - die Unternehmen warten auf Veränderungsvorschläge aus Berlin.

Alltägliches Lobbyisten-Geschäft

Die Stimmung ist schlecht in Büros und an den Werkbänken, keine Frage. Doch es gibt auch noch positive Ansätze in den Unternehmen - nämlich begründet durch die Hoffnung auf eine bessere Lage in der zweiten Jahreshälfte von 2003. Und vielleicht wird die Stimmung in den meisten Industrieverbänden auch ein wenig zu düster dargestellt, gehört doch das Lamentieren, das Klappern von Interessen-Organisationen zum alltäglichen Lobbyisten-Geschäft.

Einige Branchen bereiten sich immerhin auf eine ansatzweise erfreuliche Geschäftsentwicklung im neuen Jahr vor; in der Chemie- und in der Stahlindustrie ist die Stimmung in den Unternehmen sogar besser als vor einem Jahr (siehe nebenstehenden Bericht). Einigkeit herrscht auch unter Beobachtern außerhalb der Branche darüber, dass beispielsweise die deutsche Automobilindustrie vor keinem allzu schlechten Jahr steht. Steigende Auftragseingänge signalisierten, dass sich der "Fahrzeugbau bald wieder auf einem Wachstumskurs bewegen" werde, glaubt etwa die Düsseldorfer IKB (Deutsche Industriebank). Auch das Münchener Ifo-Institut kommt in Sachen Auto zu dem Schluss, "dass sich im Jahresverlauf 2003 allmählich eine Aufwärtsbewegung durchsetzen wird".

Auto-Neuheiten lösen Nachfrageimpulse

Die Automobilhersteller profitieren immer stärker davon, wenn sie ein neues Modell auf die Straßen bringen. Neuheiten lösen Nachfrageimpulse aus - unabhängig von der gesamtwirtschaftlichen Lage. In der zweiten Jahreshälfte sind wichtige Neuheiten zu erwarten, allen voran die nächste Generation des "Golf" von Volkswagen. Der Verband der Automobilindustrie (VDA) spricht von "automobilspezifischen Faktoren", die im kommenden Jahr für eine Belebung der Nachfrage sorgen werden und meint damit ausdrücklich die anstehenden Neuheiten. Konjunkturell bleibt es aus Sicht des VDA hingegen düster; auch die in der Vergangenheit zumeist starke Exportnachfrage werde im neuen Jahr zu wünschen übrig lassen.

Zusätzlich zur Automobilindustrie ist im kommenden Jahr auch mit positiven Entwicklungen im Bereich der Informationstechnik (IT) zu rechnen. Das Ifo-Institut spricht die Erwartung aus, dass die Produktionswerte bei Informationstechnik und Büromaschinen um 4,0 % im Vergleich zum Vorjahr zulegen werden. Der technische Erneuerungsprozess ist in vielen Unternehmen noch nicht abgeschlossen - deshalb wird noch erheblich in Software- und IT-Produkte investiert. Profitieren werden von dieser Erneuerung auch die Maschinenbauer - sie müssen aber leistungsfähige Aggregate mit exklusiver Technologie anbieten.

Nach der IW-Umfrage gibt es weitere Industriezweige, die 2003 mit höheren Umsätzen rechnen können - mögen es auch nur leichtere Steigerungen sein. Ein verdeckter Hinweis auf eine konjunkturelle Besserung könnte die Erwartung der Stromerzeuger sein - rechnen sie doch für 2003 mit höheren Absatzzahlen; Firmen und Haushalte werden mehr Strom verbrauchen. Auch Spitzentechnik besitzt gute Chancen: Besserung versprechen sich Unternehmen aus der feinmechanischen und optischen Industrie.

Ebenfalls in den Dienstleistungsbranchen wird nicht überall "in Moll" gemacht. Nach einem schwierigen Jahr rechnen die Zeitungsverlage immerhin mit einer leichten Besserung. Eine mehr oder minder benachbarte Branche denkt genauso: die Werbewirtschaft, zuletzt ebenfalls arg gebeutelt. Auf Expansion stehen die Zeichen ebenso im Versicherungsgewerbe - auch eine Branche, die im Jahr 2002 mit erheblichen Problemen zu kämpfen hatte. Neue Arbeitsplätze sind allerdings bei den Versicherern genauso wenig zu erwarten.

Noch viel Pessimismus

Doch es gibt natürlich noch eine große Zahl von Branchen, die dem neuen Jahr mit großem Pessimismus entgegen sehen. Dazu zählen an erster Stelle konsumnahe Branchen wie das Ernährungsgewerbe, die Möbelindustrie sowie die Unternehmen aus der Textil- und Bekleidungsbranche. Wegen der problematischen konjunkturellen Lage werden sich die Deutschen mit großer Wahrscheinlichkeit weiter beim privaten Konsum zurückhalten - mit den entsprechenden Konsequenzen für die betroffenen Unternehmen.

Noch ist der Eindruck stark verbreitet, durch die Einführung des Euros seien die Preise stark gestiegen. Eine bessere Gewöhnung an das neue Geld ein Jahr nach seiner Einführung könnte den privaten Konsum vielleicht ein wenig beleben. Das sieht auch der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE) so. Bei den Verbrauchern baue sich allmählich ein neues Wertgefühl für den Euro auf: "Damit schwindet der Vertrauensverlust gegenüber dem Einzelhandel." Positiver Lichtblick: Sogar der HDE glaubt, dass der Umsatzrückgang im Jahr 2003 mit 0,5 % deutlich niedriger als 2002 ausfallen wird. Das Ifo-Institut schätzt das Umsatzminus im deutschen Einzelhandel für 2002 auf 2,5 %.

Unbestritten schwierig bleibt die Lage in der Bauwirtschaft. In Ostdeutschland muss die Branche weiter Überkapazitäten beseitigen. Das Baugewerbe hat das Ende der steuerlichen Förderungen noch immer nicht bewältigt. Bis heute rächt es sich, dass der Staat die Branche nach der deutschen Einheit so massiv hofiert hat. Die konjunkturellen Probleme setzen der Branche jedoch auch im Westen zu; auch 2003 geht es dort weiter abwärts.

Stefan Menzel ist beim Handelsblatt der Spezialist für die Automobilbranche.
Stefan Menzel
Handelsblatt / Korrespondent Automobilindustrie
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%