Archiv
In weiter Ferne vom Büro

Telearbeit boomt. Das zeigt eine internationale Studie, die Handelsblatt Karriere & Management vorab vorliegt. Es sind vor allem Männer, die daheim noch einmal online gehen.

HB DÜSSELDORF. Auf Edgar Westermairs To-do- Liste kündigen sich komplizierte Termine an: Investitions-, Budget-, Gehaltsplanungen. Grund genug für den 39-jährigen BMW-Manager, zu Hause zu bleiben und seine 60 Mitarbeiter allein im Büro arbeiten zu lassen. Ein Drückeberger? Weit gefehlt. Daheim ist nicht Faulenzen angesagt. "Dort kann ich ungestört arbeiten." Dafür hat der Abteilungsleiter daheim ein Büro eingerichtet. Für ihn eine Sache, die nicht nur ihm, sondern genauso seinem Arbeitgeber nützt. "Schließlich zählt das Ergebnis, nicht die Anwesenheit", ist der Bayer überzeugt. "Die Zeiten, in denen die Chefs an der Stempeluhr ihre Mitarbeiter kontrollierten, sind doch längst vorbei."

Bingo. Westermair trifft ins Schwarze, wie eine aktuelle internationale Repräsentativstudie der empirica Gesellschaft für Kommunikations- und Technologieforschung in Bonn zeigt. Im Rahmen des Projekts SIBIS (Statistical Indicators Benchmarking the Information Society) befragten die Forscher knapp 12 000 Personen in 17 Ländern zur Verbreitung von Telearbeit und anderen neuen Arbeitsformen.

Eines der Kernergebnisse: "Telearbeit boomt in Europa", sagt empirica-Geschäftsführer Werner B. Korte. In den vergangenen drei Jahren hat sich die Zahl der Telearbeitsplätze in der Europäischen Union mehr als verdoppelt. Während es 1999 europaweit erst neun Millionen e-Worker gab, ist die Zahl bis heute auf 21 Mill. angestiegen, davon allein 6 Mill. in Deutschland. Das entspricht einem jährlichen Wachstum von 31 %.

Telarbeit schafft 2 Mill. Arbeitsplätze in der EU


Außerdem sorgt die neue Arbeitsform für wichtige Beschäftigungseffekte. In der Untersuchung gaben 17,3 % der Heimarbeiter an, ohne Telearbeit überhaupt keine Berufstätigkeit ausüben zu können. Hochgerechnet schafft Telearbeit damit rund 2 Mill. Arbeitsplätze in der EU. Deutschland steht im Vergleich recht gut da. Mit der höchsten Wachstumsrate hat sich die Zahl der Telearbeiter hier zu Lande fast verdreifacht. 16,6 % aller Erwerbstätigen in Deutschland gehören dazu, EU-weit sind es nur 13 %.

Europäischer Spitzenreiter sind die Niederlande. Dort arbeitet mehr als jeder vierte Berufstätige auch außerhalb des Büros. Weit abgeschlagen liegen Spanien und Portugal. "Nach wie vor sind die Unterschiede zwischen den einzelnen EU-Staaten erheblich, aber im Zeitablauf nähern sich die Quoten an", erklärt Norbert Kordey, Berater bei empirica und jahrelanger Beobachter der e-Worker-Szene.

Trotz der wachsenden Verbreitung von Telearbeit in Europa: Evolution im Arbeitswesen nicht. "Gegenüber den Vereinigten Staaten haben wir noch viel Nachholbedarf", so Kordey. Dort hat jeder vierte Erwerbstätige einen Telejob. Das sind etwa anderthalb mal so viele Teleworker wie diesseits des großen Teichs.

Die alte Welt rüstet auf. "Allerdings ist der Anstieg der Telearbeiter nicht auf die klassischen Home-offices zurückzuführen", erklärt Marktforscher Kordey. Der Anteil der Menschen, die mindestens einen ganzen Tag pro Woche von zu Hause aus arbeiten, stagniert derzeit. Dagegen ist der Anteil der Mobilarbeiter, die mit Laptop, Palm & Co. unterwegs sind, von 1,5 (1999) auf 4 % (2002) gestiegen - eine jährliche Durchschnittssteigerung von 38 %.

Hohe Wachstumsraten verzeichnen auch vernetzte Kleinselbstständige sowie sporadische Heimarbeiter. 1999 arbeiteten nur 2 % aller Erwerbstätigen weniger als einen Wochenarbeitstag im Heimbüro, heute sind es bereits 5,3 %. In Deutschland schnellte die Quote gar von 1,6 auf 6,3 % hoch.

Telearbeit vielerorts nur Ergänzung zur Büroarbeit


Diese Entwicklung zeigt: "Viele Unternehmen vernetzen ihre Mitarbeiter mit der Firma, aber sie erlauben ihnen nur in seltenen Fällen, auch tatsächlich ganze Tage von zu Hause aus zu arbeiten", erklärt empirica-Geschäftsführer Korte. Häufig praktizierte Alternative: Nach einem Tag in der Firma loggen sich die Büroarbeiter abends oder am Wochenende nochmal in den heimischen PC ein. Telearbeit ersetzt also vielerorts nicht die Büroarbeit, sondern ergänzt sie.

Was bringt die büroferne Beschäftigung den Betroffenen? Hauptgrund für die Heimarbeiter ist die gewonnene Flexibilität (72 %). Mehr als die Hälfte der Interviewten freut sich, dadurch weniger pendeln zu müssen. Fast genau so viele genießen daheim eine ruhigere Arbeitsumgebung ohne störende Chefs, Kunden oder Kollegen. Das gängige Denkmuster, Homeworker wollten sich zu Hause neben der Arbeit noch um die Kinder kümmern, trifft nicht zu. Dieses Motiv liegt mit 20 % der Nennungen auf dem letzten Rang.

Überhaupt: SIBIS räumt generell mit Vorurteilen auf. So zeigt sich, dass die Arbeit weitab vom Büroschreibtisch alles andere als eine Frauendomäne ist. "Nur 27 % aller Telearbeiter sind weiblich", erklärt Korte. "Das ist deutlich weniger als der Frauenanteil an der Erwerbsbevölkerung insgesamt." Der liegt bei 44 %. Der typische Telearbeiter ist männlich und hat bereits ein ganzes Stück Berufserfahrung auf dem Buckel. mehr Hochqualifizierte auf dem Onlineworker-Trip. Mehr als die Hälfte hat das Abitur oder ein vergleichbares Zeugnis.

Durch die neue Arbeitsform gewinnen nicht nur Arbeitnehmer. Auch die Arbeitgeber profitieren. So gaben mehr als die Hälfte der Interviewten an, dass sie ihre Arbeit ohne die Möglichkeit zur Telearbeit schlechter machen würden. Ein Viertel müsste nach eigenen Angaben die Arbeitszeit herunterfahren, 17 % sähen sich gezwungen, sich nach einer anderen Stelle umzusehen, die näher an ihrem Wohnort liegt. Trotz der Vorteile nutzen Unternehmen diese Form der Arbeitsgestaltung noch eher zurückhaltend. "Das Potenzial für Telearbeit ist noch lange nicht ausgeschöpft", weiß Projektleiter Korte.

28 % aller europäischen Erwerbstätigen bezeichnen ihren Job als telearbeitsfähig. Das sind mehr als zehnmal so viele Nennungen wie es derzeit häusliche Telearbeiter gibt. Hauptargumente, die gegen mehr e-Work sprechen: Die Tätigkeit erfordert den persönlichen Kontakt mit Kollegen und Geschäftspartnern oder den Zugang zu Maschinen.

Dass aber selbst Jobs in Führungsetagen geeignet sind, beweist BMW-Abteilungsleiter Westermair. Damit er elektronisch mit seiner Mannschaft vernetzt ist, hat sein Arbeitgeber ihm die gesamte Bürotechnik zu Hause finanziert: PC, Telefon mit ISDN-Anschluss, Drucker, Fax und Laufwerkanbindung ans Büro. "Es ist doch genau so, als würde ich in der Firma sitzen", sagt der Bayer. "Allerdings mit geschlossener Bürotür."

Quelle: Handelsblatt

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%