"In zehn Jahren vielleicht ist China eine Demokratie"
Der unscheinbare Rebell

Die chinesische Regierung setzt den Menschenrechtler Teng Biao unter Druck. Sie lässt ihn verhaften, seine Anwaltslizenz wird nicht verlängert. Der 34-Jährige gibt aber nicht auf.

PEKING. Als vor 19 Jahren, am 4. Juni 1989, Panzer in Peking die Demokratiebewegung blutig niederschlugen, war Teng Biao ein braver, strebsamer Schüler. Heute sieht der 34-Jährige immer noch aus, als könne er niemandem gefährlich werden. Nickelbrille, schüchterner Blick, schmale Schulter - ein Rebell, vor dem die Kommunistische Partei Chinas zittert, sieht anders aus, möchte man meinen. Aber Teng, einer der bekanntesten Menschenrechtsanwälte des Landes, hat etwas, was das Regime nicht versteht und wogegen es kein Mittel hat: Zivilcourage und Mut.

"Ich habe keine Angst, verhaftet zu werden", sagt Teng, der an der Universität Peking promovierte. "Als Intellektueller trage ich Verantwortung. Ich will die Menschenrechtslage in China verbessern." Wie sein enger Freund Hu Jia, der kürzlich verurteilte Dissident, könnte auch Teng jeden Tag im Gefängnis verschwinden.

Wie schnell das gehen kann, erfuhr er am 6. März: Der Anwalt ist auf dem Weg von seiner Kanzlei nach Hause, als Angestellte der Staatssicherheit ihm einen Sack über den Kopf ziehen und in ein Auto zerren. 48 Stunden lang halten sie ihn in einem kleinen Zimmer gefangen, geben ihm nichts zu essen, halten ihn vom Schlafen ab. Sie zeigen ihm seine Artikel über Unterdrückung in China und sprechen von "Staatsverrat". Dann darf Teng gehen, bekommt eine Warnung mit auf den Weg: Rede nicht mit ausländischen Journalisten, sonst passiert etwas!

Schon wenig später trifft der Jurist ausländische Journalisten - und es passiert tatsächlich etwas: Am 31. Mai läuft Tengs Anwaltslizenz ab - und wird nicht verlängert. Es gebe "politische Gründe" für die Schikane, sagt Teng, "insbesondere meine Bereitschaft, Tibeter zu verteidigen". Auch 500 andere Anwälte in ganz China konnten ihre Lizenzen zunächst nicht verlängern, meldet die Organisation China Human Rights Lawyers - Concern Group in Hongkong. Allerdings hätten die allermeisten dann doch noch die Genehmigung bekommen, nachdem sie im Internet auf die Verzögerung aufmerksam gemacht hätten.

Teng will nun ohne Lizenz Tibetern und anderen politisch Verfolgten helfen. "Ich kann weiterhin Artikel schreiben und sogar vor Gericht Angeklagte verteidigen", sagt er. In China gehe das in einem gewissen Rahmen auch ohne Lizenz. Zu wichtig sei sein Anliegen - jetzt, in der entscheidenden Zeit vor Olympia, wo alle Welt nach China schaut. Die Spiele seien eine Chance, das Land weiter zu öffnen. Aber das sei kein Selbstläufer: "China muss mehr Druck durch das Ausland spüren", fordert Teng. Er sei "sehr enttäuscht" vom Internationalen Olympischen Komitee, das sich nicht darum kümmere, dass die Olympia-Charta in Peking missachtet werde. So wurden vor dem Bau der Sportstätten Millionen Menschen umgesiedelt - viele ohne Entschädigung. Grundsätzlich müssten ausländische Regierungen und Manager westlicher Firmen in China mehr Druck ausüben, fordert der Kritiker. "Aber sie unterwerfen sich der chinesischen Regierung und stellen wirtschaftliche Interessen über die Menschenrechte." Dass Bundeskanzlerin Angela Merkel den Dalai Lama getroffen habe, sei jedoch "sehr hilfreich für Chinesen und Tibeter zugleich".

Trotz seiner scharfen Kritik an der chinesischen Regierung findet Teng aber auch lobende Worte für den Fortschritt im Land. "Die wirtschaftliche Entwicklung in China hat geholfen, dass sich eine Zivilgesellschaft entwickeln konnte." Doch das politische System ändere sich nur sehr langsam. Der Druck engagierter Aktivisten stimme ihn aber optimistisch: "In zehn Jahren vielleicht ist China eine Demokratie."

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