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Indianische Realität

Immer wenn in Ottawa ein "indianisches" Thema diskutiert wird, weisen mich meine kanadischen Kollegen darauf hin, dass das doch sicher etwas für "meine" Leser in Deutschland sei.

Immer wenn in Ottawa ein "indianisches" Thema diskutiert wird, weisen mich meine kanadischen Kollegen darauf hin, dass das doch sicher etwas für "meine" Leser in Deutschland sei. Die Kanadier sind sich bewusst, dass alles, was mit den Ureinwohnern Nordamerikas zu tun hat, eine Faszination auf Mitteleuropäer auslöst. Auf die Frage, warum das so ist, antworte ich meist mit dem Hinweis auf Karl May: Dank Winnetou und Old Shatterhand wissen wir Deutschen halt alles, was man über Indianer wissen muss. Über die Friedenpfeife und das Kriegsbeil, Tipis, Federschmuck und die wunderschöne Landschaft (selbst wenn das Bild von den Karl May-Filmen und der Karstlandschaft Kroatiens geprägt ist). Und darüber breitet sich Martin Böttchers Winnetou-Musik aus. Sie wissen schon ....

Nun hat indianische Gegenwart in Kanadas wenig mit Pferden, Mokassins, Kriegsbemalung und Zelten zu tun, sondern mehr mit sozialen Problemen, Kampf um Identität und kulturelles Überleben - und wirtschaftlichen Interessen. Alles sehr unromantisch, aber extrem wichtig. Und, um ein Klischee zu gebrauchen: Die Indianer kämpfen nicht mit Pfeil und Bogen, sondern vor Gericht, unterstützt von Anwälten, Historikern und Archäologen. Es geht um die Nutzung ihres Gebiets, um Zugangsrechte zu Forstwirtschaft und Bodenschätzen, es geht um wirtschaftliche Interessen in der Größenordnung von vielen Millionen und Milliarden Dollar.

Kanadas Oberstes Gericht, der Supreme Court, hat in den vergangenen Jahren in mehreren Entscheidungen die Rechte der Ureinwohner gestärkt. In der berühmten Delgamuukw-Entscheidung 1997 wurde ihnen das Recht zur Nutzung des von ihnen traditionell bewohnten Gebietes zugesprochen. Im Marshall-Urteil 1999 erhielten Mi'kmaq-Indianer an der Ostküste das Recht, ohne Lizenz außerhalb der Fischfangsaison Fische zu fangen, wenn dies dem Eigenverbrauch und einem "maßvollen" Handel dient. Damals stützte sich das Gericht auf Verträge zwischen Mi'kmaq und britischer Krone aus dem 18. Jahrhundert.

Dieser Tage musste der Oberste Gerichtshof wieder entscheiden, und diesmal wies er Ansprüche der Mi'kmaq-Indianer zurück, ohne Genehmigung in Staatswäldern Holz fällen zu dürfen. Das Gericht widersprach in zwei Urteilen der Rechtsauffassung der Indianer, die heutige kommerzielle Nutzung von Holz lass sich aus Verträgen aus dem 18. Jahrhundert ableiten, die den Indianern das Recht garantierten, Handel zu treiben.

Die Urteile betrafen 35 Mi'kmaq in Nova Scotia und einen indianischen Holzfäller in New Brunswick. Sie hatten ohne Genehmigung der Provinz in staatlichen Wäldern Bäume gefällt und an Sägewerke verkauft. Bußgelder für illegales Holzfällen hatten sie nicht akzeptiert. Das Gerichtsverfahren hatte erhebliche wirtschaftliche Bedeutung. Die Forstindustrie, die die Wälder auf der Basis von Leasingverträgen nutzt, befürchtete bei einem Erfolg der Indianer ein Chaos. In New Brunswick hängen 19.000, in Nova Scotia etwa 11.000 Arbeitsplätze von der Forstwirtschaft ab.

Das Gericht befand nun, die Verträge von 1760/1761 gäben den Mi'kmaq heute zunächst nur das Recht, mit den Gegenständen und Waren zu handeln, die damals üblich waren. Es gebe keine Hinweise auf einen Holzhandel vor 250 Jahren. Dieses Recht sei zwar nicht "eingefroren". Der heutige Handel müsse aber eine "logische Evolution traditioneller Handelsaktivitäten" sein. Dies treffe für kommerzielles Holzfällen nicht zu.

Das Gericht öffnete den Indianern aber eine Tür, ihre Ansprüche doch noch geltend zu machen. Die Indianer müssten, wie in der Delgamuukw-Entscheidung festgehalten, ihren Anspruch auf das Land belegen, was bislang nicht geschehen sei. Sie müssen zeigen, dass ihre Vorfahren das Land nutzten und kontrollierten. Zugelassen sei als Beweis auch mündlich überlieferte Geschichte.

Er sei enttäuscht, "dass der Supreme Court uns die Beweislast aufgebürdet hat", sagte Reg Maloney, ein Indianerführer Nova Scotias. Bruce Wildsmith, Anwalt der Indianer, meinte, nun müssten archäologische Beweise für die Besiedlung des Landes durch Indianer gesammelt werden.

Das Urteil schafft Klarheit für den gesellschaftspolitisch und wirtschaftlich wichtigen Landrechteprozess. Investitionsentscheidungen von Unternehmen hängen in manchen Gegenden Kanadas davon ab, dass zuvor die indianischen Rechte geklärt und definiert sind - etwa beim Bau einer Erdgaspipeline zum Eismeer. In den Atlantikprovinzen sowie in British Columbia erheben die Indianer bislang ungeklärte Landansprüche. Dort gab es im Gegensatz zu den Prärieprovinzen im 18. und 19. Jahrhundert nur wenige Verträge zwischen Ureinwohnern und Krone. Phil Fontaine, Oberhäuptling der "First Nations", wie sich die indianischen Völker Kanadas nennen, äußerte sich enttäuscht, meinte aber, die Urteile seien "nur ein Rückschlag" in einem Prozess, der weitergehe: "Das Ziel der First Nations ist es, die Anerkennung unserer Rechte zu erreichen." Dies solle vor allem am Verhandlungstisch, nicht vor Gericht erreicht werden. Und man so lle nicht von Gewinnern und Verlierern sprechen. Die Anerkennung indianischer Rechte nütze allen: First Nations, die sich selbst verwalteten und nicht abhängig von Wohlfahrtsleistungen seien, "werden einen starken Beitrag zur kanadischen Gesellschaft leisten".

Um zu den Klischees zurückzukommen: Das Kriegsbeil werden die Indianer nicht ausgraben, aber die Zeiten, die Friedenspfeife zu rauchen, sind auch noch nicht gekommen.

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