Indien: Land auf der Überholspur
IT-Firmen verlagern ganze Abteilungen

Mit Call-Centern fängt es an. Doch der Trend geht dahin, weitere computernahe Büroarbeiten in Billiglohnländer zu verlagern. Das so genannte Business Process Outsourcing hat nach Expertenmeinung Zukunft. Wichtigster Profiteur: Indien.

olm BANGALORE. Wenn sich die Sonne dem Horizont zuneigt und lange Schatten über Bangalores "Electronic City" wirft, kommt bei Progeon Leben in die Flure. Weit im Westen beginnt dann der Arbeitstag. "Ihre Telefonleitung ist tot?" fragt Manish und bemüht sich um einen britischen Akzent, "bleiben Sie kurz dran". Von einem neonfahlen Saal in Südindien aus hilft er Herrn Baker aus Sheffield weiter, feuert eine E-Mail nach England ab und verspricht, ein Techniker werde das Problem lösen.

Call-Center wie dieses, an das ein britischer Telekomkonzern Kundendienst und Auskunft ausgelagert hat, sind ein Beispiel für einen Trend, der die Dienstleistungsbranche weltweit umkrempelt: Die Verlagerung computernaher Büroarbeiten in Billiglohnländer, im Fachjargon Business Process Outsourcing (BPO). Noch entfällt das Gros der 3 Mrd. Dollar, die Indien im Vorjahr damit verdient hat, auf Call-Center. "Aber die Zukunft", sagt Progeon-Vizepräsident Amithab Chaudhry, "ist die Verlagerung ganzer Prozessketten oder Abteilungen." Chaudhrys Firma hat einem US-Telekomausrüster bereits Teile der Auftragsverwaltung abgenommen. Der Kunde entließ 300 Mitarbeiter. Progeon ersetzt sie durch Inder, die 10 % des Gehalts der US-Kollegen bekommen.

Auch deutsche Konzerne sehen die Gelegenheit: Die Bertelsmann - Tochter Arvato beschäftigt in einer Trabantenstadt Delhis 80 Mitarbeiter, die Mitgliedsanträge für das Meilenprogramm einer europäischen Fluglinie bearbeiten oder Anträge auf Kundenkarten einer deutschen Warenhauskette digitalisieren. "Der Markt für solche Tätigkeiten ist unbegrenzt", glaubt Karsten König, der die Niederlassung leitet. Bis zum Sommer will er die Zahl seiner Angestellten auf 150 bis 300 hochfahren.

Derzeit finden in Indiens junger BPO-Industrie erst 245.000 Menschen Beschäftigung. IT-Dienste, mit denen sich das Land auf der Offshoring-Weltkarte zuerst etabliert hat, schaffen Jobs für weitere 540.000. Bis 2010 soll jede der Branchen deutlich über eine Million Mitarbeiter haben; zusammen dürften sie 57 Mrd. $ umsetzen, prophezeit Morgan Stanley. Als Folge erwartet Stephen Roach, der Chefvolkswirt der Bank, anhaltenden Druck auf Dienstleistungsgehälter im Westen. Die Berater von Gartner sagen gar voraus, dass bis 2007 jeder vierte IT-Job aus dem Westen in billigere Regionen abwandert, die meisten nach Indien. Globaler Konkurrenz sind nicht nur einfache Bürojobs ausgesetzt. An Computern einer Siemens-Tochter in Delhi entstehen Kraftwerke für den Weltmarkt, auch Pharmaforschung, Aktienresearch, Anwaltsdienste und selbst Autodesign werden inzwischen verlagert.

Quelle: Handelsblatt Nr. 076 vom 20.04.04 Seite 2

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