Individualsoftware ist gefragt
Digitaler Maßanzug

Kein noch so umfassendes Standardpaket für die Unternehmensfunktionen konnte den Ruf nach individuellen Softwarelösungen ersticken. Nun geben die großen Hersteller dem Druck der Anwender nach und lösen ihre Pakete in kleine Komponenten auf, die flexibel zusammengefügt werden können.

HB DÜSSELDORF. Das Beispiel Thomas Cook zeigt die Bedürfnisse der Unternehmen: Der Reiseveranstalter hat verschiedene, zum Teil individuell entwickelte Systeme im Einsatz, die auf unterschiedlichen Rechnerplattformen laufen. Die Finanzbuchhaltung kommt typischerweise von SAP. Mit Eigenentwicklungen hingegen werden Reiseangebote verwaltet und Angebotsinformationen aufbereitet. Das Online-Buchungssystem lässt Thomas Cook ebenfalls individuell entwickeln.

Zwar ist der Anteil der Unternehmen, die auf Standardprodukte zur Unterstützung ihrer Unternehmensabläufe setzen, in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. Vier Fünftel der deutschen Unternehmen geben laut einer aktuellen Studie des Konradin-Fachverlags über den Markt für Enterprise Resource Planning Systeme (ERP) bei Neukauf den Anwendungssystemen von SAP, Oracle, Peoplesoft & Co. den Vorzug.

Doch gilt dies hauptsächlich für die weitgehend standardisierten Abläufe und Querschnittfunktionen im Rechnungs- und Personalwesen, bei Beschaffung und Logistik. "Wenn es um die Einzigartigkeit des Kundengeschäfts geht, entscheiden sich die Anwender immer wieder für maßgeschneiderte Lösungen", sagt Edmund Küpper, Chef von SD&M, des größten deutschen Software-Engineering-Unternehmens. Die Münchener sind dann gefragt, wenn es um die Differenzierung zum Wettbewerber geht.

Riesiger Bedarf

Der Bedarf an passgenauer Software ist riesig. Nach aktuellen Angaben der Marktforscher von IDC werden die weltweiten Umsätze von 189 Mrd. Dollar 2002 in den kommenden drei Jahren um über 40 % steigen. Jedes zweite Softwareunternehmen in Deutschland verdient sein Geld mit Individualsoftware, besagt eine Studie des Bundesforschungsministeriums.

Die von über 170 000 Entwicklern hergestellten technischen und betriebswirtschaftlichen Programme sind hoch spezialisiert, so dass die Mehrzahl weniger als hundert Installationen aufweist. Häufig sind es Lösungen für Branchen mit wenigen Unternehmen, wo sich die Entwicklung einer Standardanwendung nicht lohnt.

Auf der anderen Seite steht eine große Anzahl von Systemintegratoren, die sich auf das so genannte Customizing, die kundenspezifische Anpassung von Standardsoftware, konzentriert haben.

Die lange Entwicklungszeit von Standardprodukten, die dadurch nie auf der neuesten Technologie basieren können, ist ein weiterer Grund, warum Individualsoftware immer mehr Anhänger findet. Oft fallen bei Standardlösungen auch noch Implementierungszeiten von mehreren Monaten ins Gewicht, die nur für den Abgleich der Standardsoftware mit den Betriebsabläufen benötigt werden. Der gleiche Implementierungs-Zeitraum für etwas, das dann wie ein Maßanzug passt, wird von den Unternehmen dagegen eher akzeptiert.

An Stelle eines starren Paketes ist heute eine Anwendungsplattform gefragt, auf der viele Komponenten von unterschiedlichen Herstellern leicht zu integrieren sind. Neue Technologien wie Komponentenarchitekturen, Web-Services und Integrationsmittel wie Workflow-Systeme, EAI (Enterprise Application Integration) machen es möglich.

Individualisten wittern neue Chancen

Während die Giganten der IT-Welt - IBM, SAP, Microsoft, Sun - um die Dominanz der Plattformen streiten, wittern Individuallösungsanbieter neue Chancen. Mehr denn je, hofft Rolf Stephan, Vorstand der AD Solutions AG, werde der Maßanzug gefordert. Nicht nur der Trend zu heterogenen Anwendungslandschaften und zu Open-Source-Software steigere die Nachfrage.

Der kürzlich mit einem indischen Softwareunternehmen fusionierte mittelständische IT-Anbieter führt auch die Kosten ins Feld, die bislang eher den Ausschlag für die Konfektionsware gaben. Wie große IT-Dienstleister setzt AD Solutions auf "Dual-Shoring": Projektplanung und-management erfolgen in Deutschland, während personalaufwendige Routine- und Codierungsarbeiten nach Indien ausgelagert werden. So wird Individualsoftware auch beim Preis wettbewerbsfähig.

In Zukunft wird es eher mehr denn weniger individuelle Softwareprojekte geben. Die Öffnung der großen Hersteller verbessert die Möglichkeit, eigene Komponenten mit Standardmodulen zu montieren. Auch für vernachlässigte Branchen und den Mittelstand kann es so wirtschaftliche Lösungen geben.

Ähnlich wie bei der Hardware wird der Wettbewerb bei den Softwareproduktes zunehmend über den Preis ausgetragen werden. Das wird in der Folge auch die IT-Dienstleister unter Druck setzen. "Die Anwender wollen Qualität und Unabhängigkeit", sagt Informatikprofessor Manfred Broy von der TU München. "Flexible Architekturen, die Standardprodukte neben Eigenentwicklungen zulassen, sind der beste Investitionsschutz für den Anwender."

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