Individuelle Route für jeden Flug
Flugsicherheit: Computer statt Korridor

Das neue Flugsicherungssystem Free Flight könnte das nach dem Unglück vom Bodensee in die Kritik geratene Lotsen-Kontrollverfahren künftig ersetzen. Das berichtet das Wissenschaftsmagazin "New Scientist".

HB/dpa LONDON/HAMBURG. Derzeit fliegen Flugzeuge in Korridoren von 300 Metern Höhe und rund acht Kilometern Breite, die durch Funkleitstrahlen vom Boden aus bestimmt werden. Kontrolliert werden sie durch lokale Fluglotsen, die die Korridore jeweils abschnittsweise auf dem Radarschirm überwachen.

Für den Notfall ist ein Kollisionswarnsystem (TCAS) an Bord installiert, das bei Gefahr automatisch Ausweichmanöver vorgibt. Im jüngsten Unglücksfall befolgte der Pilot jedoch eine entgegengesetzte Lotsenanweisung.

Bei Free Flight soll dagegen ein weltweit verknüpftes Computernetz die ständige Überwachung übernehmen: Vor einem Flug gibt der Pilot dort den Zielort und die geschätzten Reisezeiten an, um dann die optimale, zumeist direkte Flugroute zugewiesen zu bekommen. Zeit und Kraftstoff können so gespart werden.

Für Sicherheit soll ein spezielles Programm sorgen, das bei der Routenberechnung jedem Flugzeug eine 160 bis 320 Kilometer dicke "Pufferzone" vorschaltet. Bodenkontrolleure müssen via Radar dann nur noch einschreiten, wenn die Pufferzonen zweier Flugzeuge sich dennoch zu berühren drohten.

"Mit Free Flight wäre ein drohender Zusammenstoß 20 Minuten früher erkannt worden", sagt der United Airlines-Pilot Michael Baiada, der sich seit acht Jahren für das neue Flugsicherungssystem einsetzt.

Die deutsche Pilotenvereinigung "Cockpit" steht dem Projekt offen gegenüber: "Wir sagen nicht grundsätzlich nein, denn jede Entlastung der Fluglotsen ist uns recht", sagte Sprecher Georg Fongern der Nachrichtengentur dpa. "Jedes Kontrollsystem der Zukunft muss jedoch darauf basieren, dass der Fluglotse die Verantwortlichkeit für die Mindestabstände der Flugzeuge behält. Diese Verantwortung darf nicht den Piloten übertragen werden", schränkte Fongern ein.

Seiner Ansicht nach wird es noch ein Jahrzehnt dauern, bis weltweit die technischen Voraussetzungen für Free Flight geschaffen sind. "Dieses System kann man nicht unilateral anwenden."

Auch die Deutsche Flugsicherung in Langen hält Free Flight für eine attraktive Option. "Allerdings sind die technischen Voraussetzungen noch nicht da. Um dem Piloten mehr Entscheidungsmöglichkeiten zu übertragen, muss es zunächst eine viel bessere Bord-Boden-Kommunikation geben", sagte Sprecherin Ute Otterbein der dpa.

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