Indonesien
Verlorenes Paradies

Während die Polizei noch nach Leichenresten sucht, spüren die Balinesen, dass der Anschlag ihr Leben auf Dauer verändern könnte. Touristen bleiben aus. Vor neuen Terroraktionen wird gewarnt. Die Insel ist traumatisiert. Es geht um die Existenz.

Bali trauert. Auf der Insel der Götter und Dämonen im Indischen Ozean weht ein rot-weißes Fahnenmeer. Überall ist die Nationalflagge auf halbmast gehisst. "Hier wimmelt es sonst vor Touristen", sagt Suharto, der junge Fahrer des Hard Rock Hotels, als er die Hotellimousine durch die engen Straßen der sonst quirligen Inselhauptstadt Denpasar steuert. Das Hard Rock Café liegt dunkel und still dar.

Wer noch da ist, will weg. Die Flüge von Bali sind alle überbucht. Der 12. Oktober 2002 ist für die Balinesen zur Chiffre des Grauens geworden - ein Einschnitt in ihr Leben wie für die Amerikaner der 11. September 2001: der Tag, als der Tod das Paradies heimsuchte. In der Nacht des vergangenen Sonnabends riss eine Autobombe vor der Diskothek Sari Club in Kuta Beach im Süden Balis mindestens 187 Menschen in den Tod - das größte Verbrechen in der Geschichte des modernen Massentourismus.

"Wir haben immer daran geglaubt, dass wir auf einer Insel des Paradieses leben", klagt mit lauter Stimme Widana, ein einfacher Mann, einer von fünf Dorfältesten der heimgesuchten Gemeinde Kuta. In traditioneller Tracht, den farbigen Sarong um die Hüfte gebunden und das malerische Käppi auf dem Kopf, absolviert er erstmals in seinem Leben eine Pressekonferenz mit einheimischen und internationalen Medien. Seine Worte sind der schlichte Ausdruck eines Traumas.

Am tiefblauen Tropenhimmel strahlt die Sonne. Die Terroristen haben die Menschen aus ihrem Frieden in Existenzängste gebombt. "Bali lebt vom Tourismus", sagt Christopher Mc Clean, Generaldirektor eines Hotelkomplexes nahe des Attentatsortes. Auch einige seiner Gäste wurden verletzt. "Es trifft alle, nicht nur die Beschäftigen der Hotels und Restaurants, sondern alle in der Tourismusindustrie", glaubt er - in ganz Indonesien, weit über Bali hinaus.

Das ressourcenreiche Indonesien, wegen seiner Ölreserven das einzige Land Ostasiens im Kartell der Erdöl exportierenden Länder (Opec) und weltgrößter Exporteur von Flüssiggas (LNG), verdient im Tourismus harte Devisen. Mit seinen Naturschönheiten erlöste das Land im vergangenen Jahr 6,4 Milliarden US-Dollar. Und der Fremdenverkehr bietet sehr viel mehr Arbeitsplätze als die extrem kapitalintensive Grundstoffindustrie. Über acht Millionen Menschen der rund 220 Millionen Indonesier verdienen ihren Lebensunterhalt im Tourismus. Wenigstens dreimal so viel Menschen leben davon - in einem Land mit 40 Millionen ohne einen bezahlten Job.

"Ohne Tourismus kann Bali nicht überleben", sagt ein Manager der Tourismusbehörde. "Im Jahr kommen im Schnitt 2,5 Millionen Touristen zu uns, davon 1,5 Millionen Ausländer. Die bleiben zehn bis zwölf Tage und geben 125 Dollar pro Tag aus -- jetzt können Sie sich den Schaden selbst ausrechnen." Balis erste internationale Fluggesellschaft Air Paradise hat ihren Start verschoben. Am 27. Oktober wollte sie ihre Routen nach Australien eröffnen.

Bereits am Sonntag setzte der Massenexodus der Touristen ein. Längst waren noch nicht alle Opfer unter den Trümmern geborgen. Zehntausende flohen aus Bali, das nur noch als Horror-Insel wahrgenommen wird.

Der Hotelier Feisol H. Hashim fragt fassungslos: "Warum Bali?" Das multikulturelle, aber hinduistisch geprägte Bali war bislang eine Oase im unruhigen Indonesien, der größten Islamnation der Welt. Rund 85 Prozent der 220 Millionen Indonesier bekennen sich zum Islam. Doch das Blut aus Glaubenskriegen, Separatismus und Terrorismus in dem zerrissenen Land floss auf Osttimor oder auf den Molukken - Bali war weit weg.

Feisols schmuckes Hotel mit 80 Zimmern am Meer steht fast leer, "auch die Deutschen gingen sofort". Zuvor war es fast voll belegt. Es wird sich nicht so schnell wieder füllen. Gestern erst warnte die australische Regierung vor neuen Terrorakten in Indonesien.

Von Feisols Hotel am Indischen Ozean liegt der Ort des Grauens nur einen Spaziergang entfernt. Oder eine ganze Welt. Die enge Straße an der zerstörten Diskothek ist weiträumig abgesperrt. Dächer sind abgedeckt, die Straßen noch übersät von schwerem Schaufensterglas. Trauernde haben Hunderte von Orchideengedecke aufgestellt, süßlicher Fäulnisgeruch breitet sich unter brütender Tropensonne aus. Vor den Absperrungen ballen sich Balinesen, verstummt ihre schnatternde Fröhlichkeit - Ground Zero in Südostasien.

Junge Soldaten mit Maschinenpistolen im Anschlag sichern das Gelände. Viele der Toten sind bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. "Man muss sich wirklich anstrengen, ein Desaster diesen Ausmaßes irgendwo auf der Welt zu finden", sagt Julian Slater, Forensiker der australischen Polizei. "Das wird Monate dauern, bis die Identifikation der Opfer abgeschlossen ist." Die indonesischen Experten aus Polizei und Geheimdienst werden von Teams aus Australien unterstützt, auch von Experten des amerikanischen FBI und von Scotland Yard, auch das Bundeskriminalamt hat einen Verbindungsbeamten geschickt.

Australien beklagt die meisten Opfer unter den 187 Toten. Für den Fünften Kontinent hat sich Bali zu einem südostasiatischen Mallorca entwickelt, Ballermann inklusive.

Noch hat die Spurensicherung keine schlüssigen Hinweise auf die Täter erbracht. Doch der indonesische Verteidigungsminister Abdul Djalil lastet das Verbrechen der El Kaida an. Bislang wurden Terrorwarnungen aus Singapur und Washington ignoriert - wahrscheinlich ein tödlicher Fehler, begangen aus Gründen der Innenpolitik. Die Koalitionsregierung der Präsidentin Megawat Sukarnoputri hängt von Religionsparteien ab, so von der ihres Vizepräsidenten Hamzah Haz. Der gläubige Muslim bringt nicht nur mit zwei Ehefrauen stets das Protokoll beim Besuch ausländischer Staatsgäste durcheinander, sondern empfing auch den muslimischen Kleriker Abu Bakar Bashir zum Lunch. Bakar und seine radikal-islamische Gruppe Jemaah Islamiyah werden von zahlreichen Geheimdiensten der Verbindung zu El Kaida beschuldigt.

"Der internationale Druck auf Jakarta, endlich zu handeln, wird massiv zunehmen", glaubt Andrew Tan, Analyst für internationale Sicherheit am Institut für Verteidigung und Strategische Studien in Singapur.

Für Widana und die anderen Dorfchefs ist das abstrakt - der Himmel über Indonesiens 17 000 Inseln ist hoch und Jakarta weit weg. Widana quälen die Sorgen seiner Menschen, der Bauern, die ihr Obst und Gemüse für die Hotels und Restaurants anbauen, der kleinen Händler und der Hotelangestellten. Unter den gleißenden Scheinwerfern der Fernsehkameras verliert der Dorfchef aufschreiend die Fassung. Ein anderer der Dorfältesten muss den gemeinsamen Appell vortragen: "Helfen Sie uns, von dieser Tragödie wieder aufzustehen, helfen Sie uns, unser Ansehen als eine zivilisierte Nation wieder herzustellen, helfen Sie uns, dass Kuta aus den Ruinen und den Traumata seiner Menschen wieder aufersteht."

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