Industrie beklagt schweren Imageschaden
Europas Raumfahrt liegt am Boden

Es war der 14. Weltraumflug der Ariane 5 und schon der vierte Fehlschlag. Der spektakuläre Absturz ist ein gewaltiger Rückschlag für Europas Raumfahrt - eine Branche, die ohnehin schon am Boden liegt.

mwb/ebe MÜNCHEN. Der Absturz der neuen Ariane 5 ECA kommt für die kriselnde europäische Raumfahrtindustrie zu einem ungünstigen Zeitpunkt. In der Nacht zum Donnerstag wich die Rakete drei Minuten nach ihrem Start - offenbar wegen Triebwerksproblemen - von der Bahn ab. Um 23.22 Uhr Ortszeit wurde die Rakete vom Kontrollzentrum aus Sicherheitsgründen in 69 Kilometern Höhe gesprengt. Die Trümmer stürzten in den Atlantischen Ozean. Probleme hatten sich schon zwei Wochen vorher angedeutet, als die neue Ariane 5 wegen Fehlern in der Software und beim Zündmechanismus am Boden blieb.

Der Absturz beim 157. Flug war der neunte Fehlschlag einer Ariane-Rakete innerhalb von 21 Jahren. Verloren sind der Kommunikationssatellit "Hot Bird TM-7" des europäischen Satellitenbetreibers Eutelsat für Multimedia-Nutzung sowie der Kommunikationssatellit "Stentor" der französischen Raumfahrtorganisation CNES. Der Schaden wird auf insgesamt etwa 600 Mill. Euro geschätzt. Eutelsat bekräftigte allerdings, dass die Hot-Bird-Mission voll versichert sei.

"Was langfristig viel schwerer wiegt ist allerdings der Imageschaden", sagte ein deutscher Raumfahrtexperte. Der Absturz sei ein Fiasko für Europas Raumfahrt - "vor allem in diesem Umfeld mit Überkapazitäten und einem knallharten Wettbewerb". Die Konkurrenz aus den USA sitzt dem Weltmarktführer inzwischen dicht im Nacken: Ende November absolvierte die neue Delta-4-Rakete von Boeing erfolgreich ihren Erstflug, im August war die Atlas-5 von Lockheed Martin erfolgreich. Um nicht weiter zurückzufallen, hält Arianespace an den nächsten Starts der Vorgängermodelle fest, bekräftigte Jean-Yves Le Gall, Chef der Vermarktergesellschaft Arianespace. Die Kritik an der europäischen "Patchwork-Rakete", an der mehr als 40 Firmen beteiligt sind, wird aber nach dem Fehlschlag immer lauter. "So lange wir nicht wissen, was wirklich passiert ist, macht eine branchenpolitische Bewertung keinen Sinn", hieß es zwar beim Bundesverband der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie (BDLI). Doch der Schock über den erneuten Ariane-Fehlschlag saß gestern überall tief.

"Das trifft uns alle sehr hart", sagte eine Sprecherin von Astrium. Die Tochtergesellschaft des größten europäischen Luft und Raumfahrtkonzerns EADS entwickelte für 170 Mill. Euro eine neue Oberstufe für die Ariane 5, die jetzt jedoch noch gar nicht zum Einsatz kam. Überdies baute Astrium auch den hochmodernen Eutelsat-Satelliten und war am Bau des Stentor beteiligt. Die neue Ariane sollte bis zu 10 Tonnen Nutzlast, weit mehr als je zuvor, ins All befördern und damit die Starts wirtschaftlicher machen. Jetzt steht ein großes Fragezeichen hinter dem nächsten Start im April 2003: "Die Fehlersuche kann Monate dauern", sagte Astrium-Chef Josef Kind.

Erst vor wenigen Wochen hatte der hoch defizitäre Industriezweig mehr Subventionen für das Raumfahrtprogramm gefordert und Wettbewerbsgleichheit mit den USA angemahnt. Deren Raumfahrtkonzerne können sich auf garantierte Aufträge aus dem Pentagon für den Transport militärischer Satelliten stützen, die den Europäern fehlen.

Durch den Markteinbruch in der Telekommunikation ist die Nachfrage nach zivilen Satellitentransporten stark rückläufig. Die Folge: hohe Überkapazitäten bei allen Anbietern. Die wenigen verbliebenen Kunden können derzeit die Preise diktieren und über 50 % drücken. Bei Arianespace fallen pro Start Verluste in zweistelliger Millionenhöhe an. Allein im vergangenen Jahr machten die Europäer bei 807 Mill. Euro Umsatz einen Verlust von knapp 200 Mill. Euro. Inzwischen soll sich das Defizit seit 2001 auf mehr als 550 Mill. Euro erhöht haben - Tendenz steigend. Der Absturz wird die schwere Krise in Europas Raumfahrt weiter verschärfen.

Im EADS-Konzern ist die Raumfahrtsparte längst zum größten Krisenherd geworden. Allein in den ersten neun Monaten dieses Jahres summierte sich das Minus auf 100 Mill. Euro. Der Absturz der Ariane-Rakete ließ den EADS-Kurs an der Pariser Börse gestern nicht unbeeinflusst: Die Papiere gaben über 3 % auf rund 10,60 Euro nach.

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