Industrie rechnet damit, dass Biotech-Unternehmen als erste mit Produkten entwickeln
Das Rennen um die Nutzung von Stammzellen

Die staaliche Forschung in den USA muss sich auf 64 Stammzellen-Reihen beschränken. Privatunternehmen dürfen dagegen weitere Stammzellen isolieren. Industrievertreter sehen bereits ein Rennen zwischen privater und öffentlicher Forschung voraus - wie bei der Entschlüsselung des menschlichen Erbguts.

NEW YORK. In den USA bahnt sich in der embryonalen Stammzellenforschung das nächste Wettrennen zwischen privatem und öffentliche Sektor an - ähnlich wie bei der Entschlüsselung des menschlichen Erbguts. Das meinen zumindest Industrievertreter wie Robert Oldham, Chef des Biotech-Unternehmens Cancer Therapeutics, zugleich Vorsitzender der Industrievereinigung für Biotechnologie in South Carolina. Wissenschaftler erhoffen sich von der Forschung an embryonalen Stammzellen, die sich theoretisch in jede Zellform entwickeln können, Heilungsmethoden für Krankheiten wie Diabetes und Parkinson, indem sie krankes Gewebe ersetzen.

Bisher findet die Forschung zwar vor allem im öffentlichen Sektor statt und nur eine Handvoll private Unternehmen ist in dem Gebiet aktiv. "Aber in drei bis fünf Jahren werden sich mehr und mehr große Biotech-Unternehmen für das Thema interessieren", prognostiziert Carl Feldbaum, Vorsitzender der Biotechnology Industry Organization (BIO) gegenüber dem Handelsblatt. Sie werden dabei auf Partnerschaften mit Unis und Instituten bauen, sagt er.

Private Firmen haben einen großen Vorteil: Anders als Forscher, die mit öffentlichen Geldern arbeiten, sind sie nicht auf die bereits bestehenden weltweit 64 Stammzellen-Reihen beschränkt. Denn im Gegensatz zu Deutschland ging die Disukssion in den USA nur um die Forschung, die mit öffentlichen Geldern gefördert wird. Die Entscheidung von Präsident George Bush, den Zugang auf 64 Stammzellen-Reihen zu beschränken, betraf nicht die privaten Unternehmen. Sie können weiterhin neue embryonale Stammzellen isolieren.

Private Forscher könnten zuerst Produkte entwickeln

"Unternehmen wie Advanced Cell Therapies und Geron werden schon bald massiv Geld sammeln, um ihre Forschung schneller voranzutreiben", sagt Oldham voraus. "Wenn die Universitäten das Potenzial bewiesen haben , werden auch die privaten Investitionen verstärkt in die Stammzellforschung fließen", ist Feldbaum überzeugt.

Feldbaum und Oldham sind davon überzeugt, dass die privaten Forscher als erste Produkte entwickeln werden. Dem stimmt auch Analyst Thomas Shrader von der Investmentbank Tucker Anthony Sutro zu. "Unternehmen haben ein besseres Gespür für die Ziellinie", erklärt er. Zu den Siegern könnten auch Firmen gehören, die derzeit noch nichts mit Stammzellen zu tun haben.

Dass sich viele Stammzellen-Linien schon heute in privaten Händen befinden, sei auch Schuld des öffentlichen Sektors, meint Juan Enriquez, Leiter des interdisziplinären Life Sciences Project an der Harvard Business School. Die US-Regierung habe die öffentliche Forschung an Stammzellen zu lange blockiert, sagt Enriquez.

Die akademischen Forscher werden zum Teil Lizenzgebühren zahlen müssen, wenn sie mit Stammzellen-Reihen arbeiten wollen. Allein 15 der 64 Reihen befinden sich in der Hand der zwei Privatunternehmen BresaGen und CyThera. Die Stiftung der Universität Wisconsin, die Wisconsin Alumni Research Foundation, wo die ersten embryonalen Stammzellen isoliert wurden, hat 5 Reihen. Pro Zellen-Reihe verlangt sie 5000 $.

"Aber für die Forschung sind Patente nicht wirklich ein Hindernis", erklärt Shrader, "sie werden erst wichtig, wenn Produkte auf den Markt kommen". Wie andere sieht er ein enormes Potenzial für Produkte, die dank der Stammzellen gewonnen werden können. "Für Schätzungen über das Marktpotential ist es allerdings noch viel zu früh", sagt Sapna Srivastava, Analystin bei J.P. Morgan. Eine Heilungsmethode für Parkinson hätte zum Beispiel einen riesigen Markt, sagt sie.

Einen dirketen Vergleich mit dem Rennen zwischen Celera und dem Human Genome Project sieht sieht sie wie viele ihrer Kollegen nicht. "Der Endpunkt beim Erbgut war eindeutig. Hier gibt es dagegen ein offenes Ende", sagt Srivastava über die verschiedenen Anwendungsgebiete.

Nach Ansicht des Harvard-Forschers Enriquez ist es vor allem wichtig, dass der Staat den Privatsektor nicht sabotiert. Es sei richtig, dass Privatunternehmen Geld für die Patente auf ihre Forschung verlangen, nachdem sie viel Geld und Zeit investiert hätten. "Heute steht Geron als sehr vorausschauend dar", sagt er über das Unternehmen aus Menlo Park, dass die erste Isolierung der Stammzellen in Wisconsin finanziert hat.

Katharina Kort
Katharina Kort
Handelsblatt / Korrespondentin
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