Industrie verlangt längere Übergangsfristen
EU-Parlament will Tierversuche ganz verbieten

Das Europäische Parlament sucht die Konfrontation mit den Mitgliedstaaten und der Industrie: Im Kampf gegen Tierversuche bei der Entwicklung von Kosmetika will es nun ein klares Verbot durchsetzen. Die Hersteller befürchten große Umsatzeinbußen. Länder wie die USA schreiben Tierversuche noch immer vor.

sts/tom BRÜSSEL/DÜSSELDORF. Mit überwältigender Mehrheit sprachen sich die Abgeordneten am Dienstag in Straßburg in zweiter Lesung für die Novelle der Kosmetikrichtlinie aus: Demnach soll nach einer Übergangszeit von fünf Jahren nach Inkrafttreten der Regelung 2004 die europäische Kosmetikindustrie alle Versuche an Tieren einstellen. Für Produkte wie Lippenstifte oder Sonnencremes, bei deren Entwicklung Tierversuche vorgenommen wurden, soll zudem ein generelles Vermarktungsverbot gelten. Eine Frist von zehn Jahren gilt für einige wenige Tests der Toxizität, für die die Kommission Genehmigungen erteilen muss. Toxizitätstests überprüfen Kosmetika auf giftige Stoffe.

Das Parlament geht damit auf Konfrontationskurs zum Ministerrat, der erst dann ein Vermarktungsverbot erlassen will, wenn es Alternativen zu den Tests an Tieren gibt. Beobachter gehen davon aus, dass nun im Vermittlungsverfahren mit "harten Bandagen" gekämpft wird. "Wir werden aber im Kern keine Änderungen zulassen", sagt Karl-Heinz Florenz, Mitglied der konservativen Mehrheitsfraktion der EVP. Verhandlungsspielraum sehen die Parlamentarier lediglich bei den Übergangsfristen: "Nach fünf oder sechs Jahren muss die Guillotine aber fallen", sagt Florenz.

Frankreich sträubt sich gegen Testverbot

Auch Dagmar Roth-Behrendt (SPE), zuständige Berichterstatterin des Parlaments für die Kosmetikrichtlinie, sieht kaum Spielraum für Kompromisse mit dem Ministerrat, in dem sich vor allem Frankreich gegen das Test- und Vermarktungsverbot sträubt: "Ich bin nicht bereit, viel weiter zu gehen".

Der Kampf des Parlaments gegen die Tierversuche dauert schon mehr als 20 Jahre. Schon 1995 schienen die Abgeordneten fast am Ziel: Auf einer Welle öffentlicher Zustimmung konnten sie ein Vermarktungsverbot für Kosmetika ab 1998 durchsetzen. Die Richtlinie hatte jedoch ein Hintertürchen: Als Voraussetzung galt, dass ausreichend andere Testmethoden zur Verfügung stehen. Da bis heute erst wenige Ersatzmethoden zugelassen sind, setzten die Mitgliedstaaten die Richtlinie nicht um.

"Von zwölf Routineuntersuchungen, die Kosmetikhersteller grundsätzlich bei neuen Produkten anwenden müssen, sind erst drei Alternativmethoden ohne Tierversuche in der EU anerkannt", beklagt Corina Gericke vom Bundesverband der Tierversuchsgegner.

Industrie verlangt längere Übergangsfristen

Die Kosmetikindustrie läuft Sturm gegen das Vorhaben der EU. "Das Vermarktungsverbot bedeutet ein großes Handelshemmnis für uns", sagt Bernd Stroemer vom Industrieverband Körperpflege und Waschmittel. Während Tierversuche in vielen europäischen Ländern, darunter auch Deutschland, verboten sind, schreiben die Vereinigten Staaten, Japan oder China diese noch immer vor. "Somit würden die Tests lediglich verlagert - zu Lasten der europäischen Unternehmen", sagt Stroemer, der Unternehmen wie Beiersdorf, Henkel oder L?Oréal vertritt. Die Körperpflegebranche hat im vergangenen Jahr einen Umsatz von 11,1 Mrd. Euro (zu Endverbraucherpreisen) gemacht. Die Kosmetikhersteller fordern vor allem eine längere Frist bis zur Einführung von alternativen Toxizitätstests. "Bisher gibt es einfach keinen Test, der ohne Tierversuche auskommt", sagt Stroemer. Die Industrie forsche bereits seit einiger Zeit an einem Ersatz - bisher jedoch ohne Erfolg. "Die Forderung wird nicht haltbar sein."

Für den Bereich der Hautverträglichkeitstests sehen die Hersteller dagegen keine Probleme. Diese könnten schon bald ohne Tierversuche gemacht werden, größtenteils sei dies ohnehin schon der Fall. Außerdem müsse die notwendige Anerkennung der alternativen Tests durch die OECD beschleunigt werden. Dies fordern Tierschützer und Hersteller gleichermaßen. Die Zulassung einzelner Methoden hat in der Vergangenheit bis zu zehn Jahren gedauert. Der Industrieverband fordert auch die deutsche Regierung auf, sich für eine Beschleunigung einzusetzen.

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