Industriegeschäften die Subventionen entzogen
Versicherer werden erst aus Schaden klug

Es ist wie im normalen Leben: Die Versicherer werden erst aus Schaden klug. Ausgerechnet jetzt, da es der Wirtschaft ohnehin schlecht geht, erhöhen sie die Preise für die Industrie massiv und organisieren ihr Geschäft neu. Große Versicherer, wie Allianz, Axa, HDI und Zürich trennen ihr Verlust trächtiges Industriegeschäft organisatorisch vom Rest - zum Leidwesen ihrer Kundschaft.

HB DÜSSELDORF. Jahre lang boten die Versicherer Policen zu billig an. Und wurden dafür bestraft: Großschäden, wie die Enron-Pleite oder der Lipobay-Skandal, kommen sie teuer zu stehen. Nun machen die Versicherer freiwillig, was Aufsicht und Verbraucherschützer vergeblich gefordert haben: Schluss mit der Subventionierung des Großkundengeschäfts durch das Privatkundengeschäft.

"Als führender deutscher Versicherungsmakler sind wir besorgt über enger werdende Märkte, exorbitante Preiserhöhungen von bis zu 200 % und gleichzeitige Deckungsausschlüsse", warnt Dankwart von Schultzendorff, Chef der deutschen Aon Jauch & Hübener Holdings GmbH allerdings vor den Folgen. Versicherer, wie die Schweizer Winterthur oder der britische Marktführer CGNU, jetzt Aviva genannt, haben kurzen Prozess gemacht und ihr Industriegeschäft aufgegeben. Die Übrigen versuchen, es geschlossen zu sanieren.

Axa, vormals Colonia/Nordstern, gliedert Firmenpolicen ab einer bestimmten Größenordnung weltweit in die neue "Axa Corporate Solutions" aus. Bei der Zürich firmiert dieser Bereich jetzt unter "Zurich Corporate Solutions". Der Haftpflichtverband der Deutschen Industrie VaG, kurz HDI genannt, gliedert das Privatgeschäft aus (in die HDI Privat Versicherung AG). Der Effekt ist aber der gleiche: Zwischen Industrie- und Privatgeschäft werden "Chinesische Mauern" hochgezogen. Weltmarktführer Allianz prägt den Trend mit. Die Münchener nennen ihre neue Zentraleinheit "Allianz Global Risks". Damit steuern sie erstmals einen Bereich weltweit einheitlich.

In allen Fällen werden die Ergebnisse des Industriegeschäfts zumindest intern offen gelegt - losgelöst vom Rest. Makler von Schultzendorff sieht die wahren Gründe darin, dass die Versicherer an ihre Aktionäre denken, die das anfällige Geschäft mit Großrisiken offenbar nicht mögen. Außerdem wollten die Versicherer besser kontrollieren, ob sich die Beziehung zu ihren Kunden lohnt.

Die neuen Strukturen der Versicherer bereiten der Industrie auch Sorge, weil die Kundenbeziehung aufgespalten wird. Die Versicherer übernehmen auf der einen Seite Risiken der Unternehmen. Auf der anderen Seite verdienen sie am Belegschaftsgeschäft, wie der betrieblichen Altersversorgung. Dafür sind bei Allianz & Co. aber jeweils andere Konzerngesellschaften zuständig. "Wir sorgen uns darum, dass die betriebswirtschaftliche Betrachtung zu eng zu werden droht, wenn man das sonstige Geschäft nicht in die Gesamtbetrachtung einbezieht", klagt Ralph Oelßner, Vorsitzender des Deutschen Versicherungs-Schutzverbandes, der Interessenvertretung der Wirtschaft.

Hier rächt sich der Leichtsinn der Vergangenheit. Für die Firmen war Versicherungsschutz preiswerter als eigene Maßnahmen zur Risikovorsorge. Schäden waren programmiert. Für die Versicherer hat sich das umkämpfte Industriegeschäft nur gelohnt, weil sie zum Ausgleich hohe Gewinne an den Kapitalmärkten erzielten. In letzter Zeit sprudelte die Zins-Quelle jedoch nicht mehr so verlässlich.

Auch der Ausgleich mit lukrativeren Policen ist schwieriger geworden. "Eine Kompensation mit Erträgen aus dem Massengeschäft konnte ohnehin kaum noch stattfinden, da nun auch dort Verluste auftraten, etwa im Kraftfahrtgeschäft", sagt der Präsident des Bundesaufsichtsamtes für das Versicherungswesen, Helmut Müller. Ihm waren diese Quersubventionierungen stets ein Dorn im Auge. "Unrentable Tätigkeiten im Bereich der Großrisiken sollten nicht durch überhöhte Preise im Privatkundengeschäft finanziert werden", fordert er im Interesse seines Verbraucherschutz-Auftrages. Die aktuelle Verteuerung der Policen im Industriegeschäft ist für ihn deshalb "sehr zu begrüßen".

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