Industriekonglomerate aus dem Osten nehmen Westeuropa ins Visier
Der Einfluss der russischen Rohstoffriesen wächst

Russlands Unternehmen gewinnen an Bedeutung in Europa. Das gilt insbesondere für die russischen Rohstoff-Giganten. Diese von einer kleinen Gruppe mächtiger Oligarchen kontrollierten Industriekonglomerate werden für die Versorgung Europas mit Nickel, Aluminium, Mineraldünger, Öl und Gas immer wichtiger. Gleichzeitig weiten sie ihren Einfluss auch durch Übernahmen in Europa aus. Doch allein schon durch Fusionen innerhalb Russlands haben viele von ihnen eine bedeutende Größe für die Weltmärkte erreicht.

HB MOSKAU. So sind die Unified Energy Systems (UES) der größte Stromproduzent der Welt und Russkij Aluminii (RusAl) der zweitgrößte Aluminiumhersteller. Yukos-Sibneft stellt den sechstgrößten börsennotierten Mineralölkonzern der Erde dar. Der Gasgigant Gazprom ist sogar die Nummer eins weltweit, ebenso wie Norilsk Nickel in der Palladium-Produktion die Führungsrolle einnimmt. Die Moskauer MTS, an der die Deutsche Telekom beteiligt ist, ist mit inzwischen mehr als zehn Millionen Kunden der größte Mobilfunknetzbetreiber Mittel- und Osteuropas.

Diese Stärke drückt sich auch in der von Handelsblatt und Wall Street Journal aufgestellten Rangliste der 500 größten europäischen Unternehmen aus: 15 osteuropäische Firmen sind auf ihr vertreten, darunter elf russische. Von den russischen Vertretern sind wiederum neun Energie- und Rohstoffriesen. Auffallend an den russischen Konzernen ist ihre Profitabilität: Die fünf größten russischen Öl- und Gaskonzerne kommen auf eine durchschnittliche Umsatzrendite von 20 %, die fünf führenden Ölmultis Westeuropas nur auf 5 %.

Doch an der Börse sind russische Unternehmen immer noch stark unterbewertet, sagen Analysten in Moskau. "Die Zahl russischer Unternehmen unter den führenden der Welt nimmt zu, ebenso ihre Marktkapitalisierung - wenn auch fast allein aufgrund des russischen Rohstoffsektors", fasst das Moskauer Wirtschaftsmagazin "Expert" zusammen. In anderen Ländern Mittel- und Osteuropas dominieren längst der Finanzsektor und die verarbeitende Industrie.

Russische Unternehmen werden aber auch für westliche Konkurrenten immer interessanter. So stieg Europas größter Konzern, der Mineralölmulti BP, für 6,75 Mrd. $ in Russlands drittgrößten Ölförderer TNK ein. Die britische Fleming Family & Partners hat sich beim Aluminiumkonzern Sual eingekauft, der Templeton-Fonds bei Russlands führendem Fruchtsaft- und Milchkonzern Wimm-Bill-Dann und bei der Handelskette Perekrostok. Und die Essener Ruhrgas AG stockt ihren Anteil an Gazprom immer weiter auf.

Aber das ist keine Einbahnstraße: Zugleich expandieren russische Firmen ins Ausland. So hat der Ölkonzern Lukoil die US-Tankstellenkette von Getty Petroleum übernommen. Mineralölsektor und Mobilfunkmarkt der Ukraine sind weitgehend in russischer Hand. Auf Expansionskurs ist auch Gazprom. Bisher hat sich der Energieriese vor allem in Mitteleuropa eingekauft. Doch wenn er - etwa durch den geplanten Einstieg bei der ostdeutschen VNG und in Italien - künftig direkt Erdgas anbietet, wird er von Gashändlern wie Ruhrgas und Gaz de France unabhängig und zu einem dominierenden Unternehmen in Europa. Eine Studie der Beratungsgesellschaft Pricewaterhouse Coopers (PwC) kommt zu dem Schluss, dass russische Unternehmen die fusionsfreudigsten Osteuropas sind.

Das ändert aber nichts daran, dass die russischen Großkonzerne nach wie vor von dubiosen Oligarchen kontrolliert werden, die im Raubritter-Kapitalismus nach dem Kollaps der Sowjetunion groß geworden sind. Auch Korruption ist ein Problem: Wie der Aufsichtsratschef eines börsennotierten russischen Unternehmens klagt, müssen Firmen Beamte an ihren Konzernen beteiligen und Familienangehörige von Polizisten oder Geheimdienstlern in Top-Positionen hieven.

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