Industriekunden sprechen von „Überreaktion“ – Gebannter Blick auf die Tagung in Baden-Baden am Wochenende
Versicherer bitten Industrie kräftig zur Kasse

Die deutsche Industrie muss in den nächsten Jahren mit Prämienerhöhungen in Milliardenhöhe rechnen. Industriekunden und Makler haben für die hektischen Aktionen der Assekuranz kein Verständnis. Sie befürchten auf Jahre eine Eintrübung des Vertrauensverhältnisses zwischen Industrie und Assekuranz.

FRANKFURT/M/DÜSSELDORF. Die Industrie befürchtet, dass durch das Verhalten der Versicherer das Verhältnis untereinander auf Jahre eingetrübt werden kann. "Wir haben den Eindruck, dass gegenwärtig weitgehend in einer Weise überreagiert wird, die das Klima zwischen den Beteiligten nachhaltig beschädigt", schreibt der Deutsche Versicherungs-Schutzverband (DSV), die Interessengemeinschaft der Firmenkunden, in einem offenen Brief an die Versicherer. Die plötzlichen Kündigungen von Verträgen durch die Versicherer nach den Attentaten und der Rückzug gemachter Angebote stößt beim DSV auf Unverständnis.

Am Wochenende wird es für die Branche spannend: Dann halten die Rückversicherer ihre traditionelle Tagung in Baden-Baden ab, wo über neue Versicherungsbedingungen und Beiträge beraten wird. Lösungen "mit Augenmaß" erhofft sich Günter Schlicht, geschäftsführender Vorstand beim DSV.

Christoph Keil, geschäftsführender Vorstand des Bundesverbandes Deutscher Versicherungsmakler (BDVM), erwartet dagegen keine Anzeichen für eine Besserung von der Tagung. "Der Schock sitzt so tief, dass die kaufmännische Vernunft nicht immer die Oberhand behält", sagt er. Auch er kritisiert, dass nicht nur die Prämien massiv angehoben werden, sondern dass gleichzeitig die Bedingungen z.B. über Ausschlussklauseln drastisch verschlechtert worden sind.

Die Versicherer halten dagegen mittelfristig eine Verdoppelung der Prämien in der deutschen Industrieversicherung auf mehr als 4 Mrd. DM für notwendig. Die Beiträge werden nach Ansicht des Vorstandsvorsitzenden des Gerling-Konzerns, Jürgen Zech, in den nächsten Jahren um bis zu 100 % steigen. Die Allianz verhandele mit einigen Hundert Kunden über eine Neugestaltung der Verträge, sagte ein Sprecher des Münchener Marktführers für Industrieversicherungen.

Auch Konkurrenten wie die Kölner Gerling-Gruppe und der Haftpflichtverband der Deutschen Industrie (HDI) in Hannover versuchen, höhere Prämien bei Industrieversicherungen durchzusetzen.

Die Beiträge in dieser Versicherungssparte seien schon vor den Anschlägen in New York und Washington zu niedrig und für die Versicherer wenig rentabel gewesen. Die Anschläge in den USA hätten die Lage nur noch verschärft. Dafür haben auch die Industriekunden Verständnis, doch bezeichnet ihr Verband das derzeitige Verhalten der Versicherer als "Überreaktion."

"Wir sind dabei, die Bedingungen zu überprüfen", sagte HDI-Sprecher Thomas von Mallinckrodt. Das geschehe aber vor dem Hintergrund der unzureichenden Preise für Industrieversicherungen in den vergangenen Jahren. "Die Anschläge in den USA werden voraussichtlich nur auf hoch exponierte Risiken Einfluss haben."

Besonders in der Pharma-, Chemie und der Technologiebranche setzen die Versicherer wegen gestiegener Risiken den Hebel an. So mussten Branchenriesen wie Siemens in den vergangenen Wochen über neue Prämien Gespräche führen. Auch die Chiptochter Infineon verhandelt nach eigenen Angaben erstmals mit den Industrieversicherern.

Der Pharmakonzern BASF will sich zwar zur Entwicklung der Versicherungsprämien nicht äußern, aber Konkurrent Bayer bestätigte, dass im Konzern über neue Prämien verhandelt werde. Auch beim Handelskonzern Metro kündigten nach dessen Angaben die Assekuranzen alle wichtigen Sachversicherungen.

Die deutlichsten Beitragserhöhungen wollen die Versicherer jedoch für die Luftfahrtunternehmen durchsetzen. Den Versicherungen ist das wirtschaftliche Risiko eines neuen Anschlags zu hoch. Neben der Luftfahrt bekommt auch der internationale Seeverkehr die größeren Haftungsrisiken deutlich zu spüren. Im Seeverkehr verteuert sich der Schutz vor Kriegs- und Terrorschäden um das Zehnfache.

Die Industrie-Haftpflicht werde im Gegensatz zu anderen Versicherungsarten sehr individuell auf den jeweiligen Kunden zugeschnitten, erläuterte Allianz-Sprecher Martin Bendrich. Deshalb würden die Neuverhandlungen der Verträge mit jedem Kunden einzeln geführt.

Die Erstversicherer müssen bei der Neuverhandlung von Verträgen in der Industrieversicherung auch höheren Kosten für Rückversicherungen Rechnung tragen. Der größte Rückversicherer der Welt, die Münchener Rück AG, kündigte ebenfalls höhere Beiträge für die Rückdeckung für Industrie-Haftpflicht an. Dabei werde auch überlegt, wie das gestiegene Risiko von Terroranschlägen rückversichert werden könne.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%