Industrielle Schlüsselbranche bekommt immer weniger neue Aufträge
Banken lassen Anlagenbauer zappeln

Das wachsende Risikobewusstsein der Banken hat Folgen auch für die Hersteller kompletter Industrieanlagen. Die Kreditinstitute zögern zunehmend bei der Vergabe von Avalen, also Bürgschaften für Großprojekte.

FRANKFURT/M. "Die Bürgschaften werden zwar nicht teurer, aber es dauert länger, sie zu bekommen", berichtet Aldo Belloni, Sprecher des Vorstandes der Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau im VDMA, dem Branchenverband der Maschinen- und Anlagenbauer.

Avale sind für den Großanlagenbau unverzichtbar. Angesichts der Größe der Projekte - sie haben häufig ein Volumen von deutlich über 100 Mill. Euro - verlangen die Auftraggeber Sicherheiten in Form von Bürgschaften. Kommt es bei Projekten zu Problemen, etwa durch die Pleite eines Anbieters, hat der Auftraggeber die Möglichkeiten, die Avale zu "ziehen", also die Auszahlung der Bürgschaft zu verlangen.

Angesichts der aktuellen Schwierigkeiten vieler Kreditinstitute mit Kreditausfällen und Wertberichtigungen werden die Banken bei der Zusage solche Bürgschaften vorsichtiger. "Die Syndizierung einer Bürgschaft für eine Ethylen-Anlage in Ungarn hat bei uns ein Jahr auf sich warten lassen", berichtet Belloni, der im Hauptberuf Vorstandsmitglied des Gase- und Anlagenbau-Spezialisten Linde ist. "Dabei war das nur eine Anlage in Ungarn, wo das Länderrisiko nicht sehr hoch ist. Es gibt auch Projekte in Ländern mit einem deutlich höheren Risiko", erklärt Bellini weiter.

Vertreter anderer Großanlagenbauer wie Alstom, Uhde oder Voest-Alpine bestätigten das Problem. Die Situation könnte sich sogar noch verschärfen. Angesichts der geplanten strengeren Richtlinien bei der Eigenkapitalausstattung (Basel II) sind die Banken gehalten, stärker auf das Risiko ihrer Engagements zu achten. Die spektakuläre Pleite des Oberhausener Babcock-Borsig-Konzerns dürfte die Institute hierin zusätzlich bestärken.

Frage der Finanzierung ist heikel

Im Großanlagenbau kann es zwei Jahre und länger dauern, bis ein Projekt begonnen werden kann. "Gerade die Frage der Finanzierung ist ein heikler Punkt", berichtet Wolfgang Essig, Vorsitzender der Geschäftsführung der Uhde GmbH. Das bestätigt Wolfgang Kühnel, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau. Hätten sich die Banken früher neuen Finanzierungsmöglichkeiten gegenüber offen gezeigt, sei dies heute nicht mehr der Fall. "Die Banken sind bei Betreibermodellen sehr skeptisch geworden", erklärt Kühnel. Bei dieser Finanzierungsform werden die Kredite nicht mehr vom Anlagenbauer oder dem Auftraggeber getilgt, sondern aus den Erlösen der Anlage. Mag das Modell auch bei Infrastrukturmaßnahmen wie Brücken funktionieren, im Anlagenbau sind die Erfahrungen negativ.

Gleichzeitig wollen immer mehr Kunden eigene Aufgaben auf den Lieferanten der Anlage übertragen, was in vielen Fällen das Risiko des Großanlagenbaus erheblich steigern würde. Dabei geht es zum Beispiel um den Einkauf der Rohstoffe oder die Qualitätssicherung der Endprodukte. Zwar verstehen sich die Unternehmen als Anbieter kompletter Lösungen, die etwa auch Finanzierung oder den Betrieb einer Anlage übernehmen. Weiter gehende Wünsche der Kunden sehen viele Anbieter jedoch äußerst skeptisch. "Solche Forderungen erhöhen die im Großanlagengeschäft ohnehin bereits hohen Risiken", stellt Belloni klar.

Branche setzt stärker auf Kooperation

Um das gleichwohl wachsende Risiko zu reduzieren, will die Branche stärker auf Kooperationen setzen. Die zu Jahresbeginn aufgekeimten Spekulationen über eine Deutsche Anlagenbau AG, also die Fusion mehrerer Anbieter, will Belloni nicht neu anfachen: "Wir werden projektbezogen kooperieren, Fusionen sind nicht notwendig".

Die Entwicklung trifft die Großanlagenbauer in einer Zeit rückläufiger Auftragseingänge. Die Branche ist ein Spät-Zykliker, die wirtschaftliche Talfahrt macht sich erst jetzt bemerkbar. So sind die Auftragseingänge zwischen Juli 2001 und Juni 2002 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 12 % auf 15,5 Mrd. Euro geschrumpft. Für das gesamte Jahr rechnet der Verband mit einem Auftragseingang leicht unter dem Vorjahrswert (!6,8 Mrd. Euro). Ursache ist neben der Investitionszurückhaltung das Ende der Sonderkonjunktur für Kraftwerke in Nordamerika, die durch die dortige Energiekrise ausgelöst worden war.

Quelle: Handelsblatt

Jens Koenen leitet das Büro Unternehmen & Märkte in Frankfurt.
Jens Koenen
Handelsblatt / Leiter Büro Frankfurt
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