Infineon-Aktie stürzt ab
Schockwellen

Die Kette der negativen Unternehmensmeldungen reißt nicht ab. Am Mittwoch schockte der Chipkonzern Infineon die Anleger. Für das laufende Quartal werden horrende Verluste erwartet.

HB DÜSSELDORF. Die Mitteilung des Infineon-Chefs Ulrich Schumacher kam überraschend. Sie schlug an Europas Börsen ein wie eine Bombe. Die Infineon-Aktie stürzte in die Tiefe und lag erstmals unter dem Emissionskurs - und zwar deutlich.

Die Folgen dürften noch lange nachwirken. Denn das Chippapier ist nicht irgendeine Aktie. Im Frühjahr 2000 löste der Börsengang von Infineon ein wahres Aktienfieber in Deutschland aus. Zwar wurde von allen Seiten immer wieder gewarnt, Infineon sei alles andere als eine "Volksaktie". Doch gerade die Kleinanleger stürzten sich blindlings auf das Papier.



Die ersten Erfolge gaben ihnen zunächst Recht. Die Infineon-Aktie schoss in die Höhe und schaffte schnell den Aufstieg in die erste Börsenliga, den Deutschen Aktienindex (Dax). Das Papier wurde zwischenzeitlich zum Synonym für den High-Tech-Boom, mit dem Anleger die schnelle Mark machen könnten. Jetzt folgt aber die große Ernüchterung. Nach dem Kursabsturz der "Volksaktie" Deutsche Telekom und dem dramatischen Einbruch vieler Hoffnungswerte am Neuen Markt ist das Infineon-Desaster ein weiterer Schlag für die junge deutsche Aktienkultur.



Für Verärgerung sorgt dabei Schumachers Informationspolitik. Der smarte Infineon-Boss, der schon lange im Halbleitergeschäft ist, hatte noch vor wenigen Wochen Optimismus verbreitet. Anfang April sprach er angesichts der Krise nur von "Wachstumsdellen". Er prognostizierte sogar eine baldige Erholung, insbesondere bei Speicherchips. Auch als Siemens-Chef Heinrich von Pierer und sein Finanzvorstand Heinz-Joachim Neubürger Mitte März in New York vor der schlechten Entwicklung bei Infineon warnten, tönte Schumacher, für eine Revision der Prognosen bestehe kein Anlass. Damals hatte es hinter den Kulissen einen schweren Krach zwischen Siemens und Infineon gegeben. Von Pierer sah sich von Schumacher über die wahre Lage bei der Chiptochter getäuscht. Schumacher warf dem Konzernboss im Gegenzug Einmischung in Infineon-Angelegenheiten vor.



Jetzt wurde Schumacher eines Besseren belehrt. In den letzten Wochen haben wichtige Kunden massenweise Aufträge bei Infineon storniert. Doch von Pierer wird wohl kaum triumphieren, dass er mit seinen Aussagen in New York Recht behalten hat. Zu sehr ist auch er von der Infineon-Krise betroffen. Zum einen müssen von Pierer und Finanzchef Neubürger die Verluste der Chiptochter in der Siemens-Bilanz verkraften. Zum anderen sind nach dem Kursabsturz die Chancen denkbar schlecht, weitere Infineon-Aktien zu einem guten Preis abzustoßen und damit das ungeliebte Chipgeschäft endlich ganz loszuwerden.



Es gibt wohl kaum Branchen, in denen der Wind so schnell dreht wie auf den Halbleitermärkten. So machte Infineon im vergangenen Geschäftsjahr bei einer hervorragenden Branchenkonjunktur noch einen Gewinn von fast 1,7 Milliarden Euro. Jetzt, weniger als ein Jahr später, wird praktisch über Nacht ein hoher Verlust daraus. Diese zyklischen Schwankungen waren für von Pierer der Grund, sich vom Geschäft mit den kleinen Chips zu trennen. Schon jetzt steht Infineon auf eigenen Füßen. Hilfe von Siemens ist nicht zu erwarten. Der Chipkonzern muss sich an den Märkten frisches Kapital besorgen.



Hoffnungslos ist der Fall aber nicht. Denn gerade auf den Chipmärkten ändert sich der Trend erstaunlich schnell - manchmal auch ins Positive.

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