Inflation noch zu hoch
EZB lässt Leitzinsen erwartungsgemäß unverändert

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat die Leitzinsen in der Euro-Zone am Donnerstag erwartungsgemäß unverändert gelassen. Nach Einschätzung von Analysten werden die Währungshüter aber die Zinsen in den kommenden Monaten senken, weil dann die Inflationsrate weiter zurückgehen werde.

Reuters FRANKFURT. Der für die Refinanzierung der Geschäftsbanken maßgebliche Mindestbietungssatz beim Zinstender betrage weiterhin 4,50 Prozent, teilte die EZB nach ihrer Ratssitzung in Frankfurt mit. Erwartungen auf eine Zinssenkung noch vor der EZB-Sommerpause im August hatte EZB-Präsident Wim Duisenberg Analysten zufolge bereits vor zwei Wochen mit seiner deutlichen Aussage zerstreut, die Zinsen in der Euro-Zone seien "für einige Zeit" angemessen.

Der Euro blieb von der Zinsentscheidung unbeeindruckt und notierte bei Kursen um 0,8730 Dollar. "Der Markt war auf die Entscheidung, die Zinsen unverändert zu lassen, vorbereitet, so dass dies keinen Einfluss auf den Euro hatte", sagte Michael Metcalfe, Währungsstratege bei Credit Agricole Indosuez.

Zinssenkung vor Sommerpause immer unwahrscheinlicher

Duisenbergs Aussage werteten die Analysten als ein deutliches Signal dafür, dass die Notenbank ihre geldpolitischen Zügel frühestens nach der Sommerpause lockern wird. Auch andere führende EZB-Vertreter hatten sich entsprechend geäußert. "Wir hatten zwar eine Zinssenkung noch vor der Sommerpause prognostiziert, aber nach den Äußerungen der EZB-Mitglieder wird das immer unwahrscheinlicher", sagte Christoph Balz, Volkswirt bei der Commerzbank. "Allerdings haben die Währungshüter ihre Einstellung in der Vergangenheit auch schon schnell geändert." Die EZB werde in den kommenden Monaten die Zinsen um insgesamt 50 Basispunkte senken, prognostiziert Balz. Bei einer Reuters-Umfrage unter 49 Volkswirten hatte eine Mehrheit in der vergangenen Woche einen Zinsschritt für Ende August oder September vorhergesagt.

Im Mai hatte die EZB angesichts der erlahmenden Konjunktur in der Euro-Zone ihre bisher einzige Zinssenkung in diesem Jahr vorgenommen. "Durch die schwache Konjunktur eröffnen sich durchaus Spielräume für weitere Zinssenkungen", sagte Balz. Entscheidend sei für die Notenbank, dass die Inflation in der Euro-Zone weiter zurückgehe. Die Wahrung stabiler Preise ist oberstes Ziel der EZB. Nach dem höchsten Stand seit mehr als acht Jahren im Mai von 3,4 Prozent schwächte sich der Zuwachs der Verbraucherpreise im Juni aber auf 3,0 Prozent ab und sank damit erstmals seit Februar wieder. "Nach einem Rückgang von einem Monat muss man erst einmal abwarten, ob sich der Trend bestätigt", sagte Balz.

EZB: Teuerung wird unter 2 % sinken

Die EZB geht derzeit davon aus, dass sich die Teuerung in diesem Jahr verlangsamt und 2002 unter die von ihr definierte Toleranzgrenze von zwei Prozent sinken wird. Vorsichtigen Optimismus über einen Rückgang der Inflationsrate hatten vor der EZB-Ratssitzung die Notenbankpräsidenten von Österreich und Portugal erkennen lassen. "Wir sind sehr erfreut über den Rückgang der Inflation in allen Ländern der Euro-Zone", sagte der portugiesische Notenbankpräsident Vitor Constancio. Dies bestätige die Erwartung der EZB. Auch der Präsident der Oesterreichischen Nationalbank Klaus Liebscher sagte, er habe die Daten "mit Wohlgefallen" gesehen. Auf die Frage, ob die Teuerungsrate ihren Höhepunkt damit überschritten habe, fügte er aber hinzu: "Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer."

Vor ihrer nächsten Zinssenkung wird die EZB nach Auffassung von Analysten ihre Absicht klar signalisieren, nachdem sie mit ihrer Zinssenkung am 10. Mai die Finanzmärkte überrascht hatte. "Der nächste Schritt wird gut vorbereitet sein", sagte Adolf Rosenstock von Normura International.

Doch nicht alle Volkswirte rechnen noch mit einer Zinssenkung der EZB in diesem Jahr. Nach Ansicht von Ulla Kochwasser von der Industrial Bank of Japan wird die Notenbank nicht so schnell von ihrer abwartenden Haltung abrücken. "Die Anzeichen verdichten sich, dass die Konjunktur in der zweiten Jahreshälfte wieder an Schwung gewinnt", sagte die Volkswirtin. Zudem seien die Zinsen im Währungsgebiet nicht restriktiv. "Die Konjunkturschwäche hat vielmehr strukturelle Ursachen, an denen die EZB nichts ändern kann." Sollte sich die US-Konjunktur zum Jahresende erholen, werde auch das Wirtschaftswachstum in der Euro-Zone wieder zulegen.

Die EZB ließ auch den Zinskorridor für den Geldmarkt unverändert. Die Sätze dafür betragen weiterhin 3,50 Prozent für Übernachteinlagen der Banken bei der EZB (Einlagenfazilität) und 5,50 Prozent für Übernachtkredite (Spitzenrefinanzierungsfazilität).

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